7490. Eine beängstigende Zahl. Viel zu hoch. 7490 Einbrüche hat die Polizei im vergangenen Jahr in Hamburg gezählt. 8,2 Prozent mehr als 2013. Und nur jeder zwölfte wurde aufgeklärt. In Hamburg wurde Einbruchskriminalität bisher verwaltet statt bekämpft.

Das ändert sich gerade. Seit August gibt es eine neue Truppe, die sich den Einbrechern entgegenstellt: die Sonderkommission Castle. "Die Täter sind uns bisher auf der Nase rumgetanzt", sagt Soko-Chefin Alexandra Klein. "Aber damit soll jetzt Schluss sein." Markige Worte, nur: Wie soll das gehen? Ausgerechnet in der dunklen Jahreszeit?

Der Schlüssel zum Erfolg hat einen Namen: Alexandra Klein.

An einem Morgen im Oktober sitzt sie in einem hellen Raum in einem Hochhaus in der City Nord, der Einsatzzentrale der Soko. 31 Kripobeamte sind zusammengekommen. Die meisten jung, ein Drittel Frauen, am Kopf des Tisches die Chefin. Ihre Hände ganz ruhig, ihre Haltung aufrecht, geordnet. Ihre Kleider schick, aber dezent. Die Ruhe überträgt sich.

Man darf sich aber nicht täuschen in Alexandra Klein. Die Kriminaloberrätin, 44 Jahre alt, zählt zu den Erfolgreichsten der Hamburger Polizei. Und sie ist gerade dabei, die Arbeit der Beamten umzukrempeln.

Dafür hat Alexandra Klein mit ihrer Soko nicht nur endlich eine ausreichend große Mannschaft – sondern auch, wie sie sagt, "die Freiheit, neue Wege zu entwickeln". Entwickelt wird ein Netz aus Informationen, die Bewegungsbilder, Handschriften, Indizien und "Ankerpunkte" von Einbrechern erfassen und auswerten. Entwickelt werden auch Strukturen: Um Einbrecher bekämpfen zu können, müssen die unterschiedlichen Arbeits- und Denkweisen der Kriminalpolizei (die ermittelt) und der operativen Kräfte (die vor Ort arbeiten und zugreifen) koordiniert werden. Klein moderiert diesen Prozess und fordert immer wieder, etwas zu wagen, im Zweifel auch Fehler: "Ich möchte, dass auch Trial and Error angewendet wird", sagt sie.

Der Erfolg zeigt sich schon nach drei Monaten. Auch wenn die Opposition oft kritisiert, dass die Zahl der Einbrüche noch nicht zurückgegangen sei: Die aufgeklärten Fälle nehmen rasant zu – und es sind vor allem die gefährlichen Serieneinbrecher, die endlich gefasst werden konnten. Die Soko Castle arbeitet gegen einen beunruhigenden Anstieg an.

An dem Oktobermorgen in der Einsatzzentrale in der City Nord geht es um Einbrüche des Vortages. "Auch heute zeigt das Verbrechen sein gräulich Gesicht", beginnt ein älterer, erfahrener Kriminalhauptkommissar einen Vortrag. Die Bilanz: 36 Einbrüche gab es am Vortag in Hamburg, Fall für Fall stellt der Kommissar vor.

Einbruch, das wird schnell klar, ist nicht gleich Einbruch. Es gibt die verschiedensten Techniken: die der "Bohrer", die der "Balkonkletterer", die der "Dachziegelabdecker" – und die der "Flipper".

Flipper-Fälle sind besonders schwierig

"Flippern" ist ein Albtraum für die Polizei, vor allem aber für die Opfer. Die Technik ist schlicht und oft erfolgreich: Aus Plastik schneiden Einbrecher eine Scheibe in Form einer Taucherflosse, daher der Name Flipper. Die Scheibe schieben sie zwischen den Rahmen und den kleinen Metallschnapper, der die Tür schließt, wenn sie ins Schloss fällt. Ist die Wohnung nicht abgeschlossen, sind die Einbrecher sekundenschnell drin.

"Auch wenn man sich in der eigenen Wohnung befindet, sollte der Schlüssel umgedreht werden", rät Alexandra Klein. Es sei erstaunlich, wie viele Hamburger auch beim Verlassen der Wohnung ihre Tür nur "ins Schloss fallen" ließen, anstatt sie mit dem Schlüssel zu sichern.

Für die Soko sind die Flipper-Fälle schwierig, weil die Einbrecher kaum Spuren hinterlassen. Sie streifen Handschuhe über und Socken über die Schuhe, nehmen nur mit, was relativ offen herumliegt, und werfen die Socken später weg. "Die Opfer denken erst, dass sie zum Beispiel das fehlende Portemonnaie verlegt haben", sagt Klein.

Die Täter auf frischer Tat beim Flippern zu ertappen? Das geht kaum. Oft sind es junge Täterinnen, gepflegt, mit teuer aussehenden Handtaschen. Selbst wenn sie im Treppenhaus auf Nachbarn treffen, hält man sie leicht für Freundinnen der Bewohner, die sich in der Etage geirrt haben. Taucht zufällig der Hausherr auf, haben sie Ausreden parat: Sie suchen irrtümlich eine Arztpraxis oder ein Airbnb-Zimmer oder führen angeblich eine Umfrage durch.

"Wir haben Tatorte ohne Spuren", sagt Alexandra Klein. Etwas, was im Polizeiverständnis von Verbrechen eigentlich gar nicht vorkommen darf.

An der Wand im Besprechungsraum der Soko hängen Stadtkarten, ein Schaubild mit Namen und Daten, darin Bilder mutmaßlicher Einbrecher, die geblitzt wurden, Videoaufnahmen, Passfotos und Autokennzeichen. Der Kommissar, der eben noch über das "gräulich Gesicht des Verbrechens" gesprochen hatte, zeigt die gestrigen Tatorte: Alle liegen entlang der Bahnstrecken, offenbar waren die Einbrecher mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Seit ein paar Wochen weiß man in Hamburg, wie viel so eine Information wert ist. Sie hat der Castle-Chefin ihren bisher wohl größten Erfolg gebracht.

Alexandra Klein wuchs in Grömitz auf, ihr Vater war Schutzpolizist. Nach der Schule wurde sie Hotelfachfrau – aber dann sah sie in Hamburg ein Werbeplakat der Polizei. Das änderte alles: Sie rief eine Nummer an, sie durchlief körperliche und kognitive Tests – und plötzlich war die Hotelfachfrau vom Europäischen Hof in Hamburg unter den Top Ten der Bewerber. Entschied sich für die Kripo, machte ein Langzeitpraktikum bei der Mordkommission. "Ich wollte immer Kapitalverbrechen bearbeiten", sagt sie. Das nützt ihr bis heute.

In der Polizeiführung ermöglichte man ihr, nach der Fachhochschule gleich ins LKA zu wechseln. Was sonst kaum möglich ist. Alexandra Klein kam sofort in die Dienststelle Sexualdelikte. Dort war sie maßgeblich an der Aufklärung eines spektakulären Falles beteiligt: Der "Balkoneinsteiger", der Frauen nicht nur ausraubte, sondern auch vergewaltigte, wurde gefasst und 2001 zu 13 Jahren Haft und Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik verurteilt.

Wenn Alexandra Klein heute sagt, "Ich war lange auf der Straße", ist das also reine Untertreibung. Die Kollegen ihrer Soko wissen das. Und wissen es zu schätzen.

Methoden wie bei Kapitalverbrechen

Der Vorteil der Soko Castle ist: In der City Nord sind alle versammelt, die sich mit dem Thema Einbruch auskennen, die Wege sind kurz. Neben den 31 Kripobeamten gehören zwei Züge Bereitschaftspolizei zum Team, dazu zwei Gruppen des Mobilen Einsatzkommandos (MEK) und Zivilfahnder. In der Vielfalt liegt die Stärke. Die Vielfalt bringt es aber auch mit sich, dass Mentalitäten aufeinanderprallen.

Die oft jungen Analysten der Kripo versuchen am Computer, die Muster der Täter zu durchleuchten; die Zivilfahnder heften sich manchmal tagelang an einen mutmaßlichen Täter und sind dabei fast immer auf der Straße unterwegs; und die Bereitschaftspolizei tritt in ihrer Kampfmontur eher martialisch auf. Alle gemeinsam bilden die Soko.

In Hamburg lässt sich derzeit die Zukunft moderner Polizeiarbeit beobachten, kommandiert von einer Frau, die zuletzt Chefin der Spezialeinheit SEK/MEK war. Klein hat den Ruf, ein Abenteuer-Gen zu haben. Sie kann sich an der Arbeit festbeißen, daher ihr Tarnname "Bertie", nach dem ehemaligen Fußballer Berti Vogts, der besonders verbissen verteidigte.

Verbissen will die 44-Jährige jetzt Hamburg "unattraktiv" für Einbrecher machen.

Dazu werden auch Polizeitechniken eingesetzt, mit denen bisher vor allem bei Kapitalverbrechen ermittelt wurde. Die Kunst dieser Verfahren ist es, Daten aus verschiedenen Quellen zu verknüpfen, um Einbruchsmuster zu erkennen. Geospatial Intelligence, raumbezogene Aufklärung, heißt das in der Fachsprache.

Die Idee: Auch wenn die Einbrecher kaum Spuren hinterlassen, hat jede Bande eine Handschrift, ein System, das die Ermittler dekodieren müssen. Durch den Vergleich von Koordinaten lassen sich Bewegungsstrategien oder häufige Treffpunkte analysieren. Computerprogramme helfen, die riesigen Datenmengen zu verknüpfen.

Mit der ersten sogenannten Druckwelle ging die Kripo auf die Taten der Einbrecher zu, suchte deren Vernetzung, deren Arbeitswege. Weitere Druckwellen werden zurzeit ausgearbeitet.

Die Beamten wissen viel über die Täter. Es gebe beispielsweise "die Chilenen", erzählen sie, eine der Haupttätergruppen derzeit. Sie klettern an Häuserwänden hoch, hebeln Türen oder Fenster aus und schlagen Scheiben ein. "Die sind Profis", sagt ein Soko-Kommissar. Um mögliche Verfolgerautos abzuhängen, fahren "die Chilenen" stundenlang kreuz und quer durch die Stadt. Werden sie doch erwischt, verschleiern sie ihre Identität mit Aliaspersonalien und gefälschten Ausweisen.

Die Ermittler sammeln deshalb so viele Daten wie möglich. Sie analysieren das Muster der Einbrüche und versuchen schließlich, die Täter auf frischer Tat zu ertappen. "Möglichst bevor sie in der Wohnung oder im Haus sind. Also an der Tür oder beim Einstieg durchs Fenster", sagt Alexandra Klein.

Denn haben es die Täter erst in die Wohnung oder ins Haus geschafft, ist das für Betroffene ein Schock, der nachwirkt. Deutlich größer als der materielle Schaden ist der psychische: die Vorstellung, dass ein Einbrecher oder gar eine ganze Bande die persönlichsten Dinge durchwühlt hat.

"Auch die Staatsanwaltschaft Hamburg ist interessiert und besucht uns. Es wird von der Staatsanwaltschaft nicht nur der materielle Schaden bewertet, sondern auch, was mit den Opfern passiert ist, denn viele sind krank vom Schock oder gar traumatisiert", sagt Alexandra Klein. Viele, die noch nie von einem Einbruch betroffen waren, unterschätzten dieses Problem, so die Soko-Chefin.

Viele wissen aber auch nicht, wie leicht man sich schützen kann: 40 Prozent der Einbrüche in Hamburg werden abgebrochen, weil den Tätern die Wohnung zu gut gesichert erscheint. In weniger als einem Prozent werden Einbrecher gewalttätig. Opfer, die versichert sind, erhalten Schadensersatz.

Die Arbeit der Soko Castle ist aus dem Stand erfolgreich: Jede Woche sind es mehrere Festnahmen, auch von hochprofessionellen Einbrechern, deren Handschrift erkannt wurde, auf die die Kripo dann nur wartet. An geheimen Treffpunkten zum Beispiel oder auch mal an der U-Bahn. Nach drei Monaten hat Castle fast ein Dutzend Einbruchserien aufgeklärt.

Die Sensibilisierung der Öffentlichkeit trägt zum Erfolg bei

Der größte Erfolg gelang den Ermittlern vergangenen Monat am Bahnhof Volksdorf. Hier konnte ein Einbrecher gefasst werden, der für mehr als 50 Einbrüche in Rahlstedt, Volksdorf und Blankenese verantwortlich sein soll. Ein "Bohrer", der seit Sommer im Mittelpunkt der Ermittlungen stand.

Die Polizisten waren sicher, dass es sich immer um denselben Täter handelte. Mit ihren Informationen legten die Analysten ein Profil an: Wo liegen die Tatorte? Wo hält er sich auf? Wie ist seine Vorgehensweise?

Der Gesuchte gelangte meist über Schuppen und Keller in die Wohnungen. Er benutzte, was er dort fand: Leitern zum Klettern oder Gartenscheren zum Aufhebeln der Fenster. Seine Taten lagen zudem außerhalb der üblichen Arbeitszeiten. Es könnte sich, vermutete die Polizei, um einen Bauarbeiter handeln. Aus der Vielzahl von Taten erstellten die Beamten ein Bewegungsbild des Gesuchten. Ohne den Mann zu kennen, machten die Analytiker Orte aus, an die der Täter mit seiner Beute immer wieder zurückkehrte, U-Bahnhöfe, die er häufig passierte.

An einem Freitag waren sie sich schließlich sicher. Morgen sei die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der Mann am Bahnhof Volksdorf auftauchen würde. Von sieben Uhr morgens an warteten zwei Ermittler und die Polizisten eines Einsatzzuges am Bahnhof. Um 17.55 Uhr ging ein sportlicher Mann mit kurzen dunklen Haaren auf einen "Hotspot" zu, den die Analytiker ausgemacht hatten.

Es war, wie die Polizei vermutet hatte, ein illegal beschäftiger Bauarbeiter: Bledar G., 35 Jahre alt. G. versuchte zwar noch, sich als "Tourist" auszugeben, wehrte sich aber ansonsten nicht gegen die Festnahme. Nun sitzt er in Untersuchungshaft.

Die Begeisterung unter den Soko-Mitgliedern über den Erfolg war groß. Kollegen, die in der Nähe waren, kamen zum Gratulieren. "Es war der erste Volltreffer bei einem Serieneinbrecher, den wir mit einer präzisen Ferndiagnose erkannt und gefasst haben", sagt Alexandra Klein. "Wir werden aber noch besser werden!"

Noch etwas ist neu und erfolgreich bei der Jagd nach Einbrechern: teures Marketing. Denn wie erfolgreich Polizeiarbeit am Ende ist, hängt laut Klein auch an der Sensibilisierung der Öffentlichkeit. Mit einer Werbeagentur hat die Polizei deshalb eine Kampagne entwickelt: Auf Plakaten, auf Postkarten und in Videos werden die Hamburger zu mehr Aufmerksamkeit aufgefordert. Die Polizei hat ein Video drehen lassen, das unter dem Titel Mein Einbruch auf YouTube zu finden ist. "Schon beim kleinsten Verdacht sofort 110 wählen", lautet die Botschaft des Clips.

Alexandra Klein ist zufrieden mit der Kampagne: "Wir hatten noch nie so viele und so gute Hinweise auf Taten." Viele "Flipper-Mädels" seien nach Anrufen aus der Bevölkerung festgenommen worden. "Es fällt eben doch auf, wenn im fünften Stock eines Altbaus Verdächtige versuchen, sich mit der Frage nach einem Zahnarzt rauszureden."

Die Beamten verfolgen ein klares Ziel: Mit ihren "Druckwellen" wollen sie Einbrecher aus Hamburg verdrängen. Wenn eine Stadt scharf gegen Einbrecher vorgeht, spricht sich das herum. Banden, die durch Europa reisen, werden solche Städte meiden.

Wenn das System Klein noch besser funktioniert, werden einige auch anders arbeiten. Zum Beispiel als Laden- oder Taschen- oder Auftragsdiebe. Doch das Geo-Erfassungssystem funktioniert auch bei diesen Taten.

In den vergangenen Jahren gab Hamburg ein ganz anderes Bild ab als seit drei Monaten, die Stadt wirkte eher wie eine Einladung für Einbrecher. Die Strafverfolgung galt als lasch. Jetzt aber könnte die Zahl der Einbrüche außerhalb Hamburgs wachsen. Die Polizei in anderen Bundesländern wird deshalb aufmerksam auf das Hamburger Projekt schauen müssen.

Und auf Alexandra Klein.