Kaum kommt der Winter, kommen auch die Grippeviren, kommen die selbstmitleidigen Fiebertage im Bett. Da liegt man dann vergraben unter Kissen, die Stirn bedeckt mit kaltem Schweiß, und fragt sich: Warum bin ich hier? Also nicht die existenzielle "Warum-bin-ich-hier-und-noch-nicht-tot-Frage", das wäre dann doch etwas dick für eine Grippe. Eher etwas pragmatischer: "Warum bin ich hier und nicht woanders?"

Einmal hatte ich den Absprung geschafft in der Hoffnung, mich aus der Winter-Viren-Selbstmitleid-Spirale zu retten. In der Karibik ließe es sich aushalten, dachte ich. Und so hing ich rum, am Strand und im Dschungel, und lebte im Klischee einer tropischen Fototapete, bis ich eines Abends zitternd und mit kaltem Schweiß auf der Stirn in meiner Hängematte lag. Merkwürdige Punkte auf der Haut, der Körper ein einziger Strang aus Schmerz. "Denguefieber", sagten die Ärzte. Gemeiner als Grippe, tödlicher als Malaria. Weil man dabei wie vom Schicksal gebeugt durch die Welt mäandert, nennt man es auch das Dandyfieber. Wird man einmal von einer Mücke infiziert, ist es unheilbar. Ein zweiter Stich kann tödlich enden. Lediglich die Schmerzen lassen sich mit Drogen niederringen. Um dies zumindest dandymäßig zu tun, schleppte ich mich mit letzter Kraft zur ältesten Rumdestillerie der Insel Grenada.

Die Rivers Antoine ist umgeben von Plantagen, deren Zuckerrohrhalme von den Arbeitern mit der Machete geschlagen werden. Im Fieberwahn sah ich ein Wasserrad von 1785, das das Zuckerrohr der Presse zuführte. Ich watete über Berge getrockneter Rohrspelzen, folgte dem Rinnsal des Zuckersaftes bis in ein finsteres Sudhaus, wo die süße Soße aufgekocht wurde, bevor sie acht Tage in Tanks vor sich hin gärte und schließlich destilliert, gekühlt, getrennt und abgefüllt wurde. Es roch nach Zucker und Kohle und Erlösung. Ein Arbeiter reichte zwei Tabletts mit weißen Plastikbechern herum: "69 oder 75 Prozent?", fragte er und grinste.

"Versuchungen sollte man nachgeben. Wer weiß, ob sie wiederkommen", sagte der größte Dandy aller Zeiten, Oscar Wilde. Und wer weiß, ob ich jemals wiederkommen könnte, ergänzte ich in Gedanken. Ich nahm von jedem Tablett einen Becher. Der Rum namens Rivers Antoine roch wie Karamell und schmeckte wie Petroleum. Es schüttelte mich von der Kopf- bis zur Hornhaut. Die Kehle brannte, die Zunge zerfurchte. Endlich spürte ich ihn wieder, meinen Körper. Er war noch da. Er brannte lichterloh. Dann kaufte ich zwei Flaschen. Für zu Hause, wenn das Fieber wiederkommt, das Fernweh und die alte Frage: Warum bin ich hier und nicht woanders?