Kein anderer Regisseur macht ein solches Kino der Körperlichkeit. Kein anderer schafft es wie der Franzose Jacques Audiard, mit der Kamera den Eindruck einer physischen Nähe zu erzeugen, einer Präsenz und Greifbarkeit. In nur wenigen Einstellungen erzählt er in seinem neuen Film Dämonen und Wunder – Dheepan, der den Hauptpreis der vergangenen Filmfestspiele von Cannes gewann, die Stationen einer dramatischen Reise. Oder besser: eines Verschlagenwerdens. Irgendwo in einem Dschungel blicken Kämpfer in Camouflage-Kleidung auf die Rauchschwaden ihrer verbrennenden, aufgebahrten Kameraden. In einem chaotischen Flüchtlingslager stehen ein Mann, eine Frau und ein neunjähriges Waisenmädchen in einer düsteren Hütte. Die Pässe dreier Toter fügen sie zu einer Scheinfamilie zusammen, die den Weg nach Europa suchen wird. Dann die Orientierungslosigkeit der Flucht aus Sri Lanka; weit aufgerissene Augen in der Nacht, der Blick auf ein Boot, auf fremde Gestalten. Eine wagemutige Ellipse lässt die Leinwand in tiefstes Schwarz versinken. Nach endlosen Sekunden tauchen rot und blau blinkende Lichter auf. Ein Polizeiwagen? Nein, es sind die albernen Lichthütchen, die Dheepan, die Hauptfigur des Films, inzwischen illegaler Straßenhändler, in einer europäischen Fußgängerzone verkauft.

Dheepan wird gespielt von dem Autor und Schauspieler Antonythasan Jesuthasan. Genau wie sein Held kämpfte er in Sri Lanka bei der Rebellenbewegung Tamil Tigers und verlor fast seine gesamte Familie. Auf der Leinwand verströmen er und seine Figur die Entschlossenheit eines Menschen, der nichts zu verlieren hat. Gewinnen kann Dheepan ein Leben. Eine Arbeit als Hausmeister in einer Flüchtlingsunterkunft in der Pariser Banlieue. Vielleicht auch eine Frau und ein Kind, die genauso verloren und einsam sind wie er. Und genauso entschlossen, es nicht dabei bewenden zu lassen.

Auch in der neuen Umgebung bewahrt Audiards Kamera ihre Erkundungslust und unerschrockene Nähe. Die denkbar trostloseste Umgebung – ein heruntergekommenes Hochhaus aus den siebziger Jahren – wird ganz langsam zum vertrauten Terrain. Die Topografie der kleinen Wohnung, in der Dheepan seine "Frau" verstohlen beim Gang ins Bad beobachtet – letztlich ist es nur ein Augenaufschlag auf ein Stück dunkle Haut über dem Handtuch. Das unwohnliche Wohnzimmer, in dem die "Tochter" ihre Hausaufgaben an einem Resopalschreibtisch macht. Die Tags und Graffiti in den abgeschrammten Treppenhäusern. Alltag, Arbeit, langsamer Spracherwerb, die behutsame Wandlung der Scheinfamilie zu einer Kleinfamilie – all dem wäre man gern noch länger gefolgt, so wie der Schwierigkeit des Trios, die nach außen gespielten Rollen auch im Miteinander zu finden. Doch Jacques Audiard hat sich dazu entschlossen, der Welt des Kriegsgebiets , der Dheepan, Yalini und Illayaal eben erst entkommen sind, eine weitere entgegenzusetzen. Es ist die Welt der Drogenbanden in der Banlieue, versetzt mit Motiven amerikanischer Ghettofilme. Terrainkämpfe werden mit Kalaschnikowschießereien ausgetragen, Großdealer und ihre Truppen überfallen bei Drive-by-Shootings gegnerische Drogenverstecke. Europa ist selbst ein Kriegsgebiet, in dem immer schon wilde Araber anpassungswillige Flüchtlinge terrorisieren.

Jacques Audiards zwiespältige Mischung aus Flüchtlingsgeschichte und Gangsterfilm führt jedenfalls zu einer seltsamen Pointe: Fast erleichtert stellt man fest, dass Dheepan seine im jahrelangen Guerillakrieg erworbenen Kampftechniken immer noch wie im Schlaf beherrscht. Mit Molotowcocktail, Machete und Pistole rückt er den arabischen Dealern und anderen Banlieue-Kriminellen zu Leibe. Und das ist, bei allem Respekt für die auch hier grandios agierende Kamera, dann doch ein bisschen zu einfach erzählt als sozialer Selbstreinigungseffekt im vorstädtischen Einwandererghetto.