Wenn man das zu Ende gehende Fußballjahr in einer Geste, einer Spielbewegung zusammenfassen müsste, könnte man Franz Beckenbauer zeigen, wie er auf einer blühenden Alpenwiese steht und einen Ball mit schlankem Fuß in der Luft hält. Rings um ihn her liegt Schnee, aber der Franz weiß: Wo er ist, schmilzt das Eis, und die Blumen, die eigentlich eine Blühpause machen wollten, blühen wieder. Auf ihn herab fällt Schnee, aber ungefähr 30 Zentimeter über ihm schmilzt er und verwandelt sich in silbernen Dunst.

Rings um den Franz sieht man jetzt, wie seine alten Spezln sich nach und nach in Luft auflösen, aber der Franz ist noch da und fügt dem Ball mit seinem polierten Gamaschenschuh winzige Tritte zu, und solange er den Ball in der Luft hält, ist er, der Franz, in Sicherheit.

Während er so spielt, kommen Boten vom verschneiten Rand der Szene ins blühende Zentrum, einer von ihnen, der sich jetzt nähert, sieht ein bisschen aus wie der junge ... – ach, egal, jedenfalls hält der Mann ihm einen Vertrag hin und deutet mit dem Zeigefinger auf die Stelle, wo der Franz unterschreiben muss, der Franz unterschreibt’s blind, ohne sein Spiel zu unterbrechen, und man hört ihn murmeln: "Ja gut, scho wieder, ihr seids mir so Zauberer, muss des sein?", und der Mann mit dem Vertrag nickt und legt ein Löschpapier auf die Unterschrift vom Franz.

Es wird jetzt ein bisschen schattig auf der blühenden Alpenwiese, die Sonne geht unter, der Franz fängt mit dem autogenen Mannschaftstraining an, er spielt den Schorsch Schwarzenbeck an, der aber gar nicht da ist, sondern zu Haus bei seiner Familie, dann den Uli Hoeneß, der ist aber auch nicht da, sondern verhindert, und dann beendet der Franz das Training und geht nachdenklich allein über den Rasen, wie er es im Sommer 1990 im Olympiastadion von Rom tat. Immer wieder schreibt er dabei mit der rechten Hand seltsame Zeichen in die Luft, und wirklich, er merkt gar nicht, dass er einen Füller in der Hand hält, und er merkt erst recht nicht, dass ihm jemand unter die Kringel, die er in die Luft malt, ein Stück Papier geschoben hat. Und dass die Spitze seines Füllers das Papier berührt, das hat der Franz nicht gewollt, aber nun ist es wieder passiert, "ja gut, aber lesen tu ich des net, was ich da unterschreib, des müssts euch merken, und jetzt schleichts euch, ich will spielen!"

Das ist natürlich nur mein Tagtraum, den ich hier offenbare. Der Franz, den ich mir vorstelle, unterschreibt an diesem Tag übrigens auch noch einen Vertrag, der den am Bau der Elbphilharmonie beteiligten Unternehmen zusichert, dass sie drei Milliarden Euro Entschädigung wegen Bauverzögerung erhalten werden, außerdem unterschreibt er noch zwei, drei Schriftstücke, die die Eröffnung des neuen Berliner Flughafens für das Jahr 2027 garantieren.

Aber jetzt im Ernst: Wie konnte unser Franz eine WM nach Deutschland holen, ohne ein Schriftstück, einen Vertrag, eine Seite Kleingedrucktes gelesen zu haben? Dazu habe ich zwei Theorien. Erste Theorie: Der Franz unterschreibt blind, weil er auch so gespielt hat: ohne Blick auf den Ball, das Auge in die Zukunft gerichtet. Er leitete Angriffe ein, den Rest mussten die Zauberer da vorn, der Gerd, der Uli, der Jupp, erledigen. Der Franz eröffnete das Spiel mit geschlenztem Pass, majestätisch blind, ohne seinen Sklaven, den Ball, überhaupt anzusehen. Und später unterschreibt er Verträge, ohne sie gelesen zu haben, er weiß sowieso, was drinstehen könnte.

Theorie zwo: Hierzu muss ich ein wenig ausholen. Von dem russischen Feldherrn, Hof- und Staatsmann Grigori Alexandrowitsch Potjomkin wird gesagt – der Philosoph Walter Benjamin hat darüber geschrieben –, dass er in Phasen der Depression seinen Amtsgeschäften nicht mehr nachkam, sie der Form halber jedoch erfüllte. Wenn ein Untergebener kam und ihm ein Schriftstück zur Unterschrift vorlegte, unterschrieb Potjomkin, ohne den Vertrag gelesen zu haben, aber er tat es nicht mit seinem Namen, sondern mit dem Namen des Mannes, der ihm das Schriftstück vorgelegt hatte. Als ich diese Anekdote las, dachte ich an unseren Hof- und Staatsmann Beckenbauer. Womöglich hat er es ähnlich gemacht. Kam jemand mit einem Vertrag, so unterschrieb der Franz, aber vielleicht gar nicht mit eigenem Namen, sondern etwa mit dem Namen Blatter oder Warner oder Sexwale, was weiß denn ich. So kam es, dass er, nachdem er Tausende Schriftstücke in seinem reichen Leben unterschrieben hatte, immer noch glaubhaft versichern konnte, er habe keine Verträge gelesen.

Der Kaiser litt nicht an Depressionen, sondern an Angriffseuphorie. Er schlenzte jeden Ball, den man ihm zuspielte, majestätisch blind in die Zukunft. Er unterschrieb alles, aber wir, seine Untertanen, führten ihm die Feder. Der Franz hätte seine Verträge ebenso gut mit "Das deutsche Volk" unterschreiben können, denn er war das oberste Medium, der Vollstrecker unseres Willens.

Deshalb müssen wir ihn unbedingt weiterspielen lassen auf seiner blühenden Alpenwiese; solange ihm der Ball nicht vom Fuß springt, ist für die Fußballnation Deutschland noch alles drin.