Die beruhigende Sky-Fußballdebatte

Sky90 macht müde und glücklich. Es ist das Propofol des deutschen Fernsehens. Drei Gäste und ein Moderator reden am Sonntagabend 90 Minuten lang über den vergangenen Spieltag der Fußballbundesliga. Der Moderator heißt Patrick Wasserzieher. In den letzten Jahren konnte man seinen Haaren beim Ausfallen zuschauen.

Es wäre übertrieben, zu behaupten, dass Wasserzieher ein toller Moderator wäre. Aber immerhin – das kann man ihm zugutehalten – ist er ein guter Moderatorendarsteller: wie er dort unter edlem Licht an diesem riesigen mahagonibraunen Tisch sitzt, bestens angezogen, hinter ihm ein Aquarium, in dem cyanblaue Guppys schwimmen.

Und dann sind da noch die Gäste oder "Experten", wie Wasserzieher sie nennt: Effenberg, Matthäus, Beckenbauer. Wasserzieher siezt sie, was natürlich albern ist, weil man ahnt, dass sie sich hinter den Kulissen duzen, der Lothar, der Franz und der Patrick. Aber das ist es ja gerade, was an Sky90 fasziniert: diese simulierte Seriosität. Da wird einem beim Zuschauen sofort klar: Die Dinge sind, ganz generell, weniger ernst, als sie aussehen.

Die erschreckend wahre Webserie Mann/Frau

Es geht bei Mann/Frau um Sex auf dem Discoklo und die Dating-App Tinder. Es geht um Frauen, die am Morgen danach im Bett liegen und sich, für ein paar Sekunden der Geborgenheit, mit einem Föhn warme Luft auf die Arme pusten. Es geht um all die großen Nichtigkeiten von Beziehung und Betrug, Verlieben und Vergessen. Mann/Frau ist eine Webserie in zwei Staffeln, produziert von Christian Ulmen. Man kann sie sich bei YouTube anschauen. Jede Folge dauert kaum fünf Minuten und ist abwechselnd aus der Perspektive der beiden Protagonisten erzählt, aus Frauensicht und Männersicht.

Die Protagonisten bleiben namenlos, sie stehen prototypisch für ein Heer verlorener Seelen. In der ersten Staffel sehen wir zwei Großstadtsingles. Wie sie sich auf der Suche nach der großen Liebe finden – und wieder verlieren.

In der zweiten Staffel schauen wir den beiden zu, wie sie allein durch die Nächte taumeln, sehnsuchtsvoll. In der Hoffnung, es könnte da draußen doch jemanden geben, der sie mit ein bisschen Liebe belohnt. Wir sehen die Frau, wie sie einem Typen verfällt, dessen Sprachzentrum nicht größer ist als das eines Schimpansen. Sie hasst sich dafür, aber fühlt sich auch ein bisschen verwegen. Wir sehen den Mann, wie er in seiner Stammkneipe sitzt und den immermüden Barkeeper volljammert, zwischen letztem Schmerz und nächster Eroberung. Das Gute an dieser Serie ist ihr Witz und ihr Tempo. Und dass sie so wahr ist. So verdammt wahr.

Die grandiose Facebook-Seite von Boxtalent Vincent Feigenbutz

Vincent Feigenbutz ist keiner, der viele Worte macht. Ein redseliger Boxer ist ja ohnehin ein Widerspruch in sich – es sei denn, er nennt sich Muhammad Ali. Aber Feigenbutz ist kein Ali, er wäre allenfalls gern ein Mike Tyson. Mike Tyson nannte sich Iron Mike. Vincent Feigenbutz – 20 Jahre alt, aus Karlsruhe, Auszubildender zum Feinwerkmechaniker bei den Stadtwerken – nennt sich Iron Junior. Feigenbutz wurde mit 16 Profi, er kämpfte gegen ziemlich brutal aussehende Männer aus Rumänien, Armenien und Georgien; die meisten doppelt so alt wie er. Bis auf einen Kampf gewann er alle.

Auf Facebook hat Feigenbutz knapp 14.000 Fans. Er postet Videos aus dem Trainingslager in den slowenischen Alpen. Man sieht, wie er mit der bloßen Hand Fische fängt und mit einem Vorschlaghammer Eisenpflöcke in Baumstämme rammt. Dazu schreit er diese Sätze: "Jetzt heißt es DIE UNBERÜHRTE NATUR BESIEGEN. DANN KANN ICH JEDEN BESIEGEN!!!"

Dieser Faustkämpfer-Kitsch hat dem deutschen Boxen lange gefehlt.

Björn Stephan mag auch Zigarettenetuis, Hansa Rostock und Unterhemden