Es lag in der Luft, man hätte die Uhr, genauer die Weltuhr, danach stellen können: Das Untergangsgefühl kriecht wieder durch die Köpfe, das Gefühl, die halbe Welt sei dem Teufel in die Hände gefallen – beherrscht von den Mächten der Finsternis, überrollt von heillosem Chaos und sinnloser Gewalt. "Satan, weiche, Satan, weiche", dichtet der Sänger Xavier Naidoo. "Klopfe an die Tür Luzifers."

Es gibt einen präzisen Begriff für dieses Gefühl, seine frühesten Zeugnisse stammen aus dem 4. Jahrhundert vor Christus: die Gnosis. Gemeint ist damit die Auffassung, die Schöpfung habe sich vollständig von der göttlichen Wahrheit entfremdet, sie sei dunkel, heillos und verworfen. Im gnostischen Denken senkt sich eine dämonische Zweideutigkeit über die Welt, eine schicksalhafte Verwirrung, in der Gut und Böse nicht mehr zu unterscheiden sind. Einen Ausweg gibt es nicht. Die Welt kann nicht mehr im Einzelnen gerettet, sie muss als Ganzes verworfen werden.

Gnosis war immer radikale Gesellschaftskritik. Wenn der Philosoph Theodor W. Adorno über die faschistische Menschenvernichtung schrieb, dann trug sein Denken gnostische Züge; Martin Heidegger war Gnostiker und blieb es sein Leben lang. Oft genug enthält das gnostische Empfinden die Ahnung einer historischen Wahrheit, und es ist kein Zufall, dass die späten zwanziger Jahre vom Gefühl der totalen Weltverdunkelung beherrscht waren. Damals ging die Weimarer Republik vor die Hunde, die Weltwirtschaftskrise hielt die zerbrechliche Demokratie im Würgegriff. Heute scheint sich das Zwanziger-Jahre-Gefühl globalisiert zu haben. Es ist nun überall.

Tatsächlich ist es nicht schwer, in diesen Zeiten zum Gnostiker zu werden, man muss nur Zeitung lesen. Der verstorbene Soziologe Ulrich Beck hat in einer seiner letzten Reden – der Laudatio auf Zygmunt Bauman – sein Entsetzen darüber geäußert, wie eng Moderne und Barbarei zusammenlägen, es klang verzweifelt. Der Theaterregisseur Alvis Hermanis, der nicht mehr mit dem Hamburger Thalia Theater zusammenarbeiten will, weil es gefährliche Flüchtlinge willkommen heiße – Hermanis taucht die Moderne schon seit Langem in ein fahles gnostisches Licht; er zeigt sie als Spätzeit, als Friedhof der Untoten, die nachts ihren Gräbern entsteigen und über alles herfallen, was von der bürgerlichen Kultur übrig geblieben ist. Auch für den Berliner Aktionskünstler Philipp Ruch geht die humane Welt gerade unter, zerstört von den Götzen des Kapitals und vom Zynismus moralisch korrupter Politiker. Der Rest ist brutale Gegenwart. Sie ist die Hölle.

Gnostische Bilder steigern die Wahrnehmung, sie schärfen den Blick und simulieren Klarheit. Doch harmlos sind sie nicht. Sie enthalten handfeste Ordnungsfantasien, meist sind sie autoritär und politisch ziemlich rechts. Der wahre Gnostiker will nämlich nicht irgendeine, er will die ursprüngliche Ordnung wiederherstellen – eine Ordnung, die heil und unverdorben ist. Damit erscheint alles Bestehende zwangsläufig als Teil der planetarischen Verderbnis und als mitschuldig am großen Übel. So nimmt der Gnostiker und republikanische Präsidentschaftsbewerber Donald Trump bereits die amerikanischen Grundrechte ins Visier und möchte Muslimen die Einreise in die USA verbieten. Nicht mehr lange, dann wird auch die Demokratie unter Beschuss geraten – als eine böse Erfindung, die dem Weltende Vorschub leiste.

Zur Gnosis gehören nicht nur Verschwörungstheorien, sondern auch Erlösungsversprechen zwingend dazu. Wie Phoenix aus der Asche entsteigt eine messianische Lichtgestalt dem Unheil, sie durchschlägt den Schicksalsknoten, trennt Gut und Böse und unterscheidet wieder zwischen Freund und Feind. Dann verjagt der Weltenretter die Götzen des Geldes und räumt auf. Xavier Naidoo, als müsse er die Verbindung von Gnosis und Judenfeindschaft belegen, singt vom "Baron Totschild" und beichtet sein Verlangen nach dem "Auserwählten". Der Sänger, der kein dummer Junge ist, vermisst den starken Mann in dieser lichtlosen, verdorbenen Welt: "Wo sind unsere starken Männer, wo sind unsere Führer, wo sind sie jetzt?"