Wenn es Balle nicht gut geht, steigt er in seinen Golf GTI und fährt auf die A 23, bis "feuerfrei" ist. Er schaut noch einmal auf seinen Bordcomputer, checkt die Öltemperatur. "Ab 80 Grad kannst du knallen", sagt er, "alles andere ist nicht so geil für die Kolben." Dann schaltet er in den Sportmodus, beschleunigt in zwei Sekunden von 100 auf 130 Stundenkilometer. Nach acht Sekunden ist er bei 160, nach fünfzehn Sekunden bei 210. "Der zündet wie eine Rakete", sagt Balle. "Damit kannst du auch schon mal einen Porsche vernaschen." Er sieht jetzt wieder glücklich aus.

Balle ist ein Freund von mir. Sein Golf ist die Sonderedition zum 35-jährigen Jubiläum des GTI: 235 PS, Xenon-Scheinwerfer, carbongraue Sonderlackierung, zwei Auspuffrohre, verdunkelte Scheiben, 15 Millimeter tiefergelegt. Balle sagt: "Das ist der krasseste GTI aller Zeiten." Spiegel Online hat ihn den "Porsche fürs Proletariat" genannt.

Es ist das Auto, mit dem ich in den nächsten drei Tagen 977 Kilometer durch Deutschland fahren werde. Ich will versuchen, den Irrsinn zu begreifen, der Balle überfällt, sobald er in seinem GTI sitzt. Weil ich glaube, dass man Auto-Deutschland nur zu fassen bekommt, wenn man selbst ein wenig von diesem Irrsinn spürt.

Mögen wir Deutschen als noch so kühl und diszipliniert gelten: Beim Autofahren lassen wir die Sau raus. In keinem anderen EU-Land ist das Verhalten am Steuer aggressiver. Zwei von drei deutschen Autofahrern geben an, regelmäßig andere Autofahrer zu beleidigen. Selbst Geld scheint beim Auto kaum eine Rolle zu spielen. Im Laufe seines Lebens zahlt ein Autobesitzer durchschnittlich 332.000 Euro für Anschaffung, Versicherung, Steuern, Benzin, Reparaturen und Strafzettel. So viel wie für eine Dreizimmer-Eigentumswohnung in bester Lage!

Und die deutschen Unternehmen? Sie bedienen diese Verrücktheit, indem sie Jahr für Jahr 30 Milliarden Euro in die Entwicklung neuer Autos stecken. Für die Forschung in der Medizin investieren wir gerade sechs Milliarden. Die drei großen deutschen Autokonzerne VW, Daimler und BMW vereinen auf sich zwei Drittel des globalen "Premium-Marktes", also der Autos, für die weltweit Kunden mehr bezahlen als für normale Massenmarken. Selbst die drei größten Zulieferer der Welt sind deutsch: Bosch, Continental und ZF.

Sind Irrsinn und Erfolg also zwei Seiten der gleichen Medaille? Und was bedeutet die Übermacht der Autoindustrie für unsere Volkswirtschaft? Müssen wir dankbar sein wegen all der Arbeitsplätze? Oder uns Sorgen machen, weil ohne Autoindustrie in diesem Land kaum noch etwas ginge – und ein Skandal wie der bei VW angeblich gleich unsere gesamte Volkswirtschaft und unseren Ruf als Wirtschaftsstandort ruinieren könnte?

Selbst habe ich noch nie ein Auto besessen – und habe geglaubt, im Trend zu liegen: weil ich gelesen hatte, dass das Auto als Statussymbol Geschichte ist und sich immer mehr Menschen ein Auto teilen oder ganz darauf verzichten. Dann habe ich mir die Zahlen des Kraftfahrtbundesamtes angesehen: 2011 gab es 42,3 Millionen Pkw in Deutschland, Ende 2014 lag der Pkw-Bestand schon bei 44,4 Millionen. Für das Jahr 2030 prognostiziert eine Studie des RWI Essen: weniger Menschen, noch mehr Autos. Es fällt mir schwer, das zu verstehen. Natürlich sind manche Menschen auf ihr Auto angewiesen. Aber doch nicht 44,4 Millionen. Die meisten Autos stehen 23 von 24 Stunden einfach nur rum. Ich kenne sogar Autofahrer, die haben Angst, mit ihrem Auto irgendwohin zu fahren, weil dann ihr Parkplatz weg ist.