Zunächst muss man den Abzug loben; ohne den ginge hier nichts. Er schluckt lautlos die Schwaden, die unablässig vom Grill des Köz Ocakbaşı aufsteigen. Ohne ihn säßen die Gäste nicht über ihren Fleischplatten am niedrigen Tresen, sondern mit Verdacht auf Rauchvergiftung im Klinikum St. Georg.

Der Imbiss am Steindamm ist keiner, in den man sich verirrt. In diesem Fall brauchte es einen Tipp von Ali Güngörmüş, immerhin Gastronom des Jahres laut neuestem Gault Millau. So einen Laden, erzählte er auf dem Weg zur Preisverleihung, würde er gern auch mal eröffnen.

Authentisch ist er jedenfalls. Zum einen: Es gibt keinen Döner. Wer danach fragt, sieht den Chef unangenehm berührt: "So etwas machen wir nicht." Zum anderen: Es gibt überhaupt recht wenig. Die türkische Gastronomie ist ja hochspezialisiert. Das eine Lokal hat nur geröstete Lammdärme, das andere ausschließlich Fisch.

Die, grob übersetzt, "Kohlenfeuer-Grillstube" macht unverkennbar in Fleisch. Blutrot und fettweiß funkeln die rohen Stücke aus der Vitrine am Eingang. Man wählt seine Tranche und sieht kurz darauf, wie der Mann hinterm Grill damit loslegt. Er findet sichtlich Spaß daran, und man kann verstehen, wieso: die glühenden Kohlen, die Spieße in Schwertform – ein Setting, wie um zu beweisen, dass Kochen nichts Unmännliches ist.

Auch bei der Kundschaft spürt man keinen Mangel an Testosteron. Mit kriegerischem Ernst werden die eindrucksvollen Fleischberge zersäbelt. Gleichwohl käme man nicht auf die Idee, durch launige Bemerkungen über die Mütter der Gäste die Stimmung aufzulockern. Aber vielleicht ist das auch ein bisschen Show – wie beim Patron, der nicht einmal lächelt, wenn er einem Kleinkind einen Lolli schenkt. Der aber schon nach dem zweiten Besuch ein lässiges "Bis zum nächsten Mal!" hören lässt. Und damit wohl auch recht behält – denn auf seinem kleinen Feld ist dieses Lokal ziemlich konkurrenzlos. Der Grillmeister grillt auf den Punkt, ob beim Lammrippchen oder beim Putenbrustspieß. Sein Meisterstück sind die prächtigen Wachteln, die einen Hauch von Dekadenz an den rauen Steindamm bringen.

Nicht zu viel erwarten: Das Fleisch ist vermutlich normale Großmarktware; seinen Geschmack verdankt es der Marinade, dem Feuer und den obligaten Dips Ajvar (Paprika) und Cacık (Joghurt). Auch die Beilagen bleiben fast immer dieselben: ein süßlich angemachter Alibi-Salat und eine Ladung Bulgur, die das überschüssige Fett der Fleischspieße aufsaugt und im Bedarfsfall die Sättigung komplettiert. Man kann verstehen, warum Ali Güngörmüş nach der Arbeit hier einkehrt. Das Köz Ocakbaşı ist in vielem das Gegenstück zu seinem Le Canard – und dabei genauso erfolgreich. Das Feuer raucht rund um Uhr, und immer ist etwas los. Es ist, als bliese der Abzug den Lockduft des Fleischs über ganz St. Georg. Spannend wäre es trotzdem, wenn der Spitzenkoch selber ins Grillgeschäft einstiege. Da ist noch genug Luft nach oben.

Köz Ocakbaşı, Steindamm 6, St. Georg. Tel. 24 87 45 15. Immer geöffnet. Hauptgerichte um 12 €