Acht Trickfilme, fünf Fernsehserien und elf Spielfilme hat es bislang über Heidi gegeben, und jetzt kommt der zwölfte ins Kino, sorgfältig und professionell inszeniert von dem Schweizer Regisseur Alain Gsponer. Johanna Spyri hat die Geschichte des kleinen Mädchens, das aus seinem Bergparadies an der Seite des Großvaters vertrieben und als Gespielin der gelähmten Klara ins steinerne Frankfurt verbracht wird, 1880/81 erfunden, und seitdem nimmt der Erfolg des Buchs kein Ende. Das Heimweh, an dem Heidi fast zugrunde geht, und die heile Welt, in die sie glücklich zurückkehrt, bilden unsterbliche Angst- und Sehnsuchtsfantasien nicht allein von Kindern. Doch wirklich heil ist Heidis Welt nicht. Beide Eltern sind früh gestorben. Auch ihr Freund, der Geißenpeter, hat keinen Vater mehr, und über die mutterlose Klara wacht eine Gouvernante, die berüchtigte Frau Rottenmeier. Großmütter und Großväter sind die wahren Freunde der Kinder – eine durchaus moderne Konstellation.

Gsponer erzählt die Geschichte in schöner Gelassenheit, zeigt das harte Leben der Älpler in realistischen, kitschfreien Bildern und weicht, da er die Frankfurter Bankentürme nicht gut zeigen kann, nach Altenburg und Quedlinburg aus. Anuk Steffen spielt eine temperamentvolle Heidi mit schwarzem Lockenkopf, und Bruno Ganz, der uns schon als Faust, Hamlet und leider auch Hitler begegnet ist, findet im Abendlicht seiner Karriere zu neuer Größe. Einen derart bärtig-grimmigen, herzlich liebevollen Alm-Öhi hat man selten gesehen. Im Original redet er schweizerdeutsch. Für die Deutschen gibt es eine nahezu hochdeutsche Fassung.

In Frankfurt hat Heidi beten und lesen gelernt. Ihr liebstes Bilderbuch ist das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Es betrifft auch das dunkle Geheimnis des Großvaters. Und als Heidi endlich wieder daheim in den Bergen ist, bittet die blinde Großmutter darum, ihr Paul Gerhardts Kirchenlied Die güld’ne Sonne vorzulesen. Die Großmutter weint vor Glück. So steht es bei Johanna Spyri. Ihre pietistische Frömmigkeit bildet das Fundament von Heidi und den vielen anderen Erzählungen. Im Film ist all dies ersatzlos gestrichen. Der christliche Glaube scheint ein Skandal zu sein, den man Kindern nicht zumuten darf.