Sie treffen sich in Arbeitskreisen und an Runden Tischen, veranstalten Campus-Rallyes und stellen Betten in ihre Turnhallen, sie organisieren Deutschkurse, Willkommensfeste, Chorgruppen. Die deutschen Universitäten und Hochschulen – Mitarbeiter wie Studierende – begegnen der Flüchtlingskrise mit enormem Engagement. Sie sehen die vielen Hunderttausend, die allein in diesem Jahr in Deutschland angekommen sind, als Herausforderung und nicht als Problem. Und sie fordern für die Aufgaben, die da kommen, mehr Geld.

Es läuft also einiges anders im sonst so schwerfälligen Hochschulapparat – einerseits. Andererseits ist alles so wie immer. Von Bund und Ländern mehr Geld zu verlangen ist so etwas wie der kommunikative Default-Modus der Hochschulen. Forschung, Lehre, Lamento. Zu wenig Professoren? Für mehr fehlt das Geld! Groteske Lehrbedingungen? Zu knappe Grundfinanzierung!

Und jetzt auch noch Flüchtlinge.

Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) befürchtet, so Präsident Horst Hippler, dass die "akademische Integration" der nach Deutschland Geflüchteten nicht gelingen könne ohne "spürbare finanzielle Unterstützung durch die Politik". Die freiwillige Mehrarbeit könne "nicht mehr lange aufrechterhalten werden". An den Hochschulen heißt es, ohne zusätzliches Personal seien die Studierenden mit Fluchtgeschichte nicht zu betreuen. Sie befürchten hohe Abbruchquoten, wenn keine zusätzlichen Beratungsangebote geschaffen werden.

Der Ruf nach mehr Geld ist verständlich – und wirkt doch merkwürdig. Von guter Betreuung träumen auch reguläre Studenten meist vergeblich. Und hohe Abbrecherquoten, etwa in Physik oder Ingenieurwissenschaften, werden nicht erst durch die potenziellen neuen Studenten aus Syrien und Afghanistan zum Problem, sie sind es bereits seit Jahren. Bislang war den Unis das egal – gibt es doch pro Studienanfänger Pauschalsummen vom Land, unabhängig vom Studienerfolg.

Bisher sind erst wenige Flüchtlinge an den Hochschulen angekommen. Und es ist weiterhin unklar, wie viele der Flüchtlinge überhaupt studieren werden. Im Raum stehen Zahlen von 25.000 bis 50.000. Auch über den genauen Bildungsstand der Flüchtlinge herrscht in den Behörden Ungewissheit. Die Befragung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) unter 105.000 Asylbewerbern, nach der 17,5 Prozent ein Gymnasium oder ein entsprechendes Pendant besucht haben, ist weder repräsentativ noch valide. Und der Bildungsökonom Ludger Wössmann sagte zuletzt, dass zwei Drittel der syrischen Schüler an den OECD-Grundkompetenzen scheiterten (ZEIT Nr. 47/15). Klar ist: Auch die Flüchtlinge, die über die formalen Voraussetzungen verfügen, werden nicht direkt studieren können.

Das stellt die Hochschulen zwar vor Herausforderungen, bietet ihnen aber auch eine enorme Chance: die Dinge zu verändern, die seit Jahren nicht gut laufen.

Etwa durch die Eignungstests. Fristeten sie bislang ein Nischendasein, werden sie nun prominent, um das Studieren ohne Zeugnis zu ermöglichen. Die Unis könnten sie in Zukunft flächendeckend dafür nutzen, dass weniger Abiturienten das falsche Studium aufnehmen. Reicht nicht mehr bloß das Schulzeugnis, um sich einzuschreiben, fällt die Studienentscheidung bewusster.

Oder bei der Studienvorbereitung. Für Flüchtlinge besteht diese aus zwei Schritten: einem Sprachkurs und einer fachlichen Vorbereitung, direkt an der Hochschule oder einem Studienkolleg. Das koste circa 4.000 Euro pro Flüchtling, rechnet die HRK schon mal vor.

Die Hochschulen sollten hier weiter in Vorleistung gehen. Wie auch bei den Eignungstests könnten sie die nun entwickelten Vorbereitungskurse dafür nutzen, dass Studienanfänger generell besser ins erste Semester starten. Vor allem aber bieten sie den Hochschulen die Gelegenheit, sich mit Nachdruck zu digitalisieren. Warum keine englischsprachigen Online-Brückenkurse, an denen jeder per App teilnehmen kann?

In den nötigen Sprachkursen wiederum könnten Lehramtsstudenten schon vor dem Referendariat praktisch arbeiten. Außerhalb des Hörsaals lernen und gesellschaftliche Verantwortung übernehmen: Was ohnehin immer wichtiger wird, käme so frei Haus auf den Campus.

Und nicht zuletzt bekommen die Hochschulen mit den Flüchtlingen genau jene Internationalität, die sie sich so gern ins Leitbild schreiben. Die gesellschaftliche Aufgabe, für diversere Eliten zu sorgen, kann dadurch nur einfacher werden. Besonders die berufspraktisch ausgerichteten Fachhochschulen mit Studiengängen in Informatik, Wirtschafts- oder Ingenieurwissenschaften könnten sich profilieren und zu Vorreitern der Integration werden.

Die Unis und FHs sind, etwa im Vergleich mit den Schulen, in einer privilegierten Situation. Der Bund investiert bereits, Studienkollegplätze werden aufgestockt, die Studienberatung für Flüchtlinge wird bezahlt. Auch die Hochschulen sollten weiter Verantwortung übernehmen und die Krise als Glücksfall betrachten.

Chance sticht Lamento.

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