Chalq ist das arabische Wort für Schöpfung. "Die Schöpfung des Himmels und der Erde ist größer als die Schöpfung der Menschen; allein die meisten Menschen wissen es nicht." Mit diesem Satz aus der 40. Sure des Koran richteten sich in diesem Sommer islamische Theologen und Umweltschützer auf einer Konferenz in Istanbul an ihre 1,6 Milliarden Glaubensbrüder und -schwestern. Sie forderten sie quasi zur Einstimmung auf die Pariser Klimaverhandlungen zu einem Dschihad der ganz anderen Art auf: Es sei die Pflicht eines jeden Muslims, die Erderwärmung zu stoppen und mit einem bescheidenen, umweltbewussten Leben dem Beispiel des Propheten Mohammed zu folgen.

In den Zeiten des islamistischen Extremismus denkt man beim Koran nicht an eine spirituelle Quelle für den Naturschutz. Tatsächlich aber gibt es seit über 40 Jahren eine Bewegung des "Öko-Islams", initiiert und getragen von muslimischen Philosophen, Theologen und Aktivisten. Der Islam, so ihre Überzeugung, sei eine "grüne Religion", der Koran ein Leitfaden für ein Leben in Harmonie mit der Natur.

Über die Lücke zwischen dieser Theologie und der Praxis machen sich die Autoren des Appells keine Illusionen. Muslimische Metropolen wie Kairo, Teheran oder Bagdad sind ökologische Desaster-Zonen, moderne Zentren wie Riad oder Doha sind strom- und benzinfressende Retortenstädte. Indonesien, eines der bevölkerungsreichsten muslimischen Länder, zerstört seine Wälder, um Platz für Palmöl-Plantagen zu schaffen. Saudi-Arabien klammert sich an seinen Status als größter Erdölexporteur.

Christliche Industrienationen sowie das schein-kommunistische China sind zwar mit Abstand die größten Klimasünder. Doch in der Liste der zehn Nationen mit dem höchsten CO₂-Ausstoß pro Kopf finden sich nach Angaben der Weltbank gleich sechs Golfstaaten, mit Katar als Spitzenreiter.

Der Istanbuler Appell sei ein "Weckruf", sagt Mitautor Fazlun Khalid, einer der führenden islamischen Ökoaktivisten, der eine Umweltstiftung in Großbritannien betreibt. Bis 2050, so der Appell, müssten die reichen und die ölproduzierenden Länder die Förderung und Nutzung fossiler Brennstoffe komplett einstellen. Das ist nicht nur ökologisch, sondern auch politisch radikal. Denn muslimische Regionalmächte wie Saudi-Arabien und der Iran müssten sich von jener Einnahmequelle abnabeln, mit der sie ihre Machtsysteme, ihre Militärapparate und ihre Kriege finanzieren. Großmuftis und religiöse Würdenträger aus Marokko, dem Libanon, Uganda, Indonesien und der Türkei haben den Appell unterzeichnet. Saudische und iranische Unterschriften fehlen.

Dabei drohen gerade Saudis und Iranern dramatische Gefahren durch den Klimawandel. Bei gleichbleibenden CO₂-Emissionen könnten am Persischen Golf bis Ende dieses Jahrhunderts Hitzewellen zur Norm werden, "die für Menschen nicht mehr aushaltbar sind". Zu diesem Schluss kamen im Oktober die Wissenschaftler Jeremy S. Pal und Elfatih Eltahir in einer Studie. Sie legten dabei Messwerte von Hitze und Luftfeuchtigkeit zugrunde, bei denen der menschliche Körper die eigene Temperatur durch Atmung und Schweißproduktion nicht mehr reduzieren kann.

Was ihnen da blüht, bekamen Saudis, Iraner, Iraker, aber auch Ägypter, Jordanier und Libanesen in diesem Sommer zu spüren, als der Nahe und Mittlere Osten tagelang unter einer Hitzeglocke steckte. An einigen Orten stieg die Temperatur auf über 50 Grad. Bei knochentrockener Luft ist das gerade noch auszuhalten. Kommen 40 Prozent Luftfeuchtigkeit dazu, wird der Aufenthalt im Freien schon bei geringeren Temperaturen lebensbedrohlich.