"Singen macht glücklich"

An einen Heiligabend in meiner Kindheit erinnere ich mich besonders gut, weil er so anders war. Ich bin 13 Jahre alt in dieser Erinnerung und warte mit meinen Geschwistern wie jedes Jahr ungeduldig, bis das goldene Glöckchen klingelt – das Zeichen, dass wir ins Wohnzimmer kommen dürfen.

Doch statt des Klingelingeling ertönt in diesem Jahr ein BUMMBUMMBUMMBUMM. Dann fängt Campino von den Toten Hosen an zu grölen: "Stihille Nacht, heilige Nacht."

Oh, wie lacht meine Mutter, als sie die Tür aufreißt: Sie denkt, wir freuen uns über die Musik der Punkband am Christbaum. Mein Bruder, meine Schwester und ich lästern nämlich oft, weil meine Eltern nur Klassik hören. Ich hingegen kenne zu der Zeit jedes Lied der Toten Hosen auswendig. Dennoch bin ich enttäuscht. Ich spüre: Für mich ist erst Weihnachten, wenn wir gemeinsam O du fröhliche anstimmen. Selbst zu singen gehört für mich zum Fest wie die Geschenke, die Plätzchen und Papas Angst, dass der Baum Feuer fängt.

Schon wenn ich die ersten Töne von mir gebe, hebt sich meine Laune. Nicht nur bei feierlichen Liedern zu Weihnachten oder an Geburtstagen, auch bei albernen Karaoke-Songs im Feriencamp, beim ausgelassenen Mitsingen auf Popkonzerten oder beim Summen auf dem Weg zum Bus. Manchmal ist es, als springe mein Herz zur Melodie. Andere Menschen empfinden wohl ähnlich beim Singen, denn ihre Augen leuchten, und sie lachen mehr als sonst. Singen macht glücklich, dafür hätte ich keine Beweise gebraucht.

Nun haben aber viele Wissenschaftler erforscht, wie gut Gesang tut: Schon nach wenigen Tönen strömt der Atem stärker und tiefer, das Gehirn schüttet Glückshormone aus – Botenstoffe, die uns fröhlich stimmen. Gesang fördert die Konzentration, macht entspannt und friedlich und kann Menschen sogar zusammenschweißen.

Wer gerade noch gemeinsam Fröhliche Weihnacht überall gesungen hat, wird sich nicht im nächsten Moment um die neue Lego-Feuerwehr kloppen oder darüber streiten, wer die Rotkohlreste abräumt. Wenn an Weihnachten plötzlich tagelang die Familie aufeinanderhockt, kann das Singen also so manchen schlimmeren Krach verhindern.

Darum sind ein paar schiefe Töne eine schlechte Ausrede, die zwei von drei Deutschen verwenden, wenn sie behaupten, sie könnten nicht singen. Den meisten fehlt bloß die Übung, wofür Weihnachten eine gute Gelegenheit wäre. Zudem sind Engelschöre kein Maßstab. Wer das nicht glaubt, kann doch noch mal Campino lauschen. Wenn er Alle Jahre wieder schmettert, klingt das zwar nicht feierlich, aber er selbst hatte gewiss viel Spaß beim Singen.

von Johanna Schoener