Ein Taschenbuch, behauptete ich, ist ein Buch, das in meine Sakkotasche passt. Nein, nein, sagte meine Freundin, man muss schon eine allgemeine, durch das Marktgängige bestätigte Definition haben. Taschenbücher sind die mit dem biegsamen Umschlag. Aha, sagte ich, und was ist das? Ich zeigte ihr ein Buch. Na gut, sagte sie, das ist ein Taschenbuch.

Gezeigt habe ich ihr ein Exemplar aus der "Manesse-Bibliothek der Weltliteratur": Walter Serners Der rote Strich. Serners Kriminalgeschichten sind keine üblichen Krimis, sondern, ja, was sind sie? Für mich sind sie Widerspiegelungen von Lebenskämpfen. Sie singen das Hohe Lied der Verlierer, die sich mitnichten aufgegeben haben, sondern die aus ihrem prekären Dasein jede auch noch so kleine Chance zur Souveränität herauspressen. Und das nicht ohne Eleganz. Diese Figuren haben sich nicht zuletzt dem Erotischen verschrieben, das ins Sexuelle mündet, denn Erotik allein wäre Zeitverschwendung. Auf erotisch-sexuellem Gebiet gibt es – zwischen Triumph und Frustration – viele Spielmöglichkeiten. Der "Zuhälter" ist dabei nicht selten der Strippenzieher.

Serners Kosmos ist künstlich, und seine Figuren verhalten sich höchst artifiziell, zum Beispiel wenn sie, wie sehr oft, französisieren: "Am schönsten ist die Natur, wenn sie jouissiert." Das ist, erfährt der Leser aus den Anmerkungen des Herausgebers, eine Wortneubildung aus jouir und jouissance, heißt also "genießen, etwas mit Wollust tun".

Zur elaborierten Künstlichkeit gehören die sprechenden Namen, mit denen Serner arbeitet: Schingut, Kersuni, Reinac, Coquillot oder Pfeffer ("Pfeffers beinharter Körper machte geschmeidige Wendungen") – so heißen die Leute bei Serner, und so bilden sie namentlich seine Welt, die nicht von gestern ist. Xaver Bayer hat in dem Nachwort über Serners Bedeutung an erster Stelle erwähnt, "dass er – unabhängig von der kulturhistorischen Betrachtung – immer auf der Höhe der jeweiligen Zeit zu sein scheint".

Das Zeitgemäße an Serner ist für mich die Botschaft an die Erschöpften dieser Erde, die Hommage ans ewige Burn-out: Inszeniert euch, macht was aus euch, das gegen den Strich geht. So tief kann doch niemand gefallen sein, dass Hochstapeln nicht hilft. Weihnachten 2015 – hier ist das ideale Geschenk, der Weihnachtsmann bringt es in der Manteltasche!

Der rote Strich aus der Titelgeschichte, einer besoffenen Geschichte par excellence, stammt von einem Stimmungsproblem der Madame Rosier ("des Ensembles Besitzerin"): Ihre Lippen waren ein roter Strich. Aber am Ende hat sich das gelöst – Madame Rosier feixt niederträchtig, und Serner kann berichten: "Der rote Strich verschwand." 

Walter Serner: Der rote Strich. Kriminalgeschichten; Manesse Verlag, Zürich 2015; 446 S., 24,95 €