Seit Jahrzehnten ist das Hamburger Unternehmen Hauswedell & Nolte eine Institution des internationalen Auktionsgeschäfts für Kunst, wertvolle Bücher und Autografen. Umso mehr überraschte vor wenigen Wochen die Nachricht, dass die anstehenden Versteigerungen für moderne Kunst und Kunst nach 1945 am 11. und 12. Dezember die letzten in der Geschichte des Hauses sein werden. Seit 1967 residiert das Auktionshaus in einer weißen Gründerzeitvilla unweit der Alster am Pöseldorfer Weg 1, seit 1978 ist Ernst Nolte der alleinige Inhaber.

DIE ZEIT: Sie führen mit Ihrer Partnerin Gabriele Braun eines der angesehensten Auktionshäuser im deutschsprachigen Raum. Warum schließen Sie es jetzt so abrupt, Herr Nolte?

Ernst Nolte: Das hat zunächst einmal mit unserem Alter zu tun. Wir arbeiten jetzt zusammengerechnet hundert Jahre in dieser Firma, meine Partnerin 48, ich 52 Jahre lang. Das ist ein schöner Zeitpunkt, um aufzuhören.

ZEIT: Gab es keine Interessenten, die Ihren Betrieb übernehmen wollten?

Nolte: Doch, da gab es sogar mehrere. Wir haben lange Verhandlungen geführt und dabei ausgelotet, ob das Haus in unserem Sinne weitergeführt werden könnte. Doch die Grundausrichtung wäre bei allen Interessenten eine andere gewesen, weswegen wir dann gesagt haben: Das war’s. Schluss. Die Kunden sollen Hauswedell & Nolte lieber noch ein wenig so im Gedächtnis behalten, wie wir es geprägt haben.

ZEIT: Berühmt war Ihr Haus vor allem für das Angebot an Kunst des Expressionismus. Gibt es dafür heute zu wenige Interessenten?

Nolte: Der Blick auf die bildende Kunst generell verändert sich, das war ein weiterer Grund aufzuhören. Die Sammler interessieren sich mehr und mehr für die Kunst der Zeitgenossen, das ist ja auch ganz natürlich und normal. Unsere Auktion einer bedeutenden Sammlung mit gut zwei Dutzend grafischen Selbstbildnissen von Max Beckmann im Jahr 2013 etwa wäre noch ein, zwei Jahrzehnte zuvor eine viel größere Sache gewesen. Da hat sich der Geschmack signifikant geändert.

ZEIT: Inwiefern genau?

Nolte: Die Grafik ist generell im Ansehen gesunken, insbesondere wenn sie schwarz-weiß ist. Heute liebt man die Farbe, das große Format. Geschätzt wird jetzt die Kunst, mit der man sofort Eindruck machen kann.

ZEIT: Erzählt dieser Geschmackswandel auch etwas über einen Wertewandel innerhalb der gesellschaftlichen Eliten? Bescheidenheit zählt nicht mehr?

Nolte: Die Sammler, die heute die Diskussion bestimmen, sind anders ausgerichtet und lauter im Auftreten als etwa noch der im vergangenen Jahr gestorbene Hamburger Mäzen Klaus Hegewisch, der seine Grafiksammlung in der Hamburger Kunsthalle präsentierte und das Museum reich beschenkte. Die neue Sammlergeneration sucht Kunst, die Wände schmückt und auch füllt, sie sucht nach dem Original, nach dem Unikat und nicht nach der Grafik. Das sind eindeutige Verschiebungen.

ZEIT: Und die haben Sie genervt?

Nolte: Das darf man gar nicht laut sagen. Aber die Kundschaft hat sich dramatisch verändert. Die Gespräche sind nicht mehr die gleichen, es gibt kaum noch leidenschaftliche Sammler, die sich gut auskennen. Und das merkt man tagtäglich.

ZEIT: Wann und wie sind Sie ursprünglich zum Auktionator geworden?

Nolte: Ich habe zunächst den Beruf des Antiquars in Stuttgart gelernt und bin dann in den sechziger Jahren in das Hamburger Geschäft von Ernst Hauswedell eingetreten. Es tat sich Anfang der sechziger Jahre eine Lücke auf dem Markt auf, als Roman Norbert Ketterer in Stuttgart sein Kunstkabinett schloss, das damals wichtigste Haus in Deutschland für die Kunst der Moderne. Wir haben diese Lücke dann schnell geschlossen und waren in den späten sechziger, siebziger, achtziger Jahren die erste Adresse für die Kunst des Expressionismus, durften wichtige Sammlungen versteigern.

ZEIT: Die Konkurrenz im Kunstmarkt ist deshalb sicherlich sehr interessiert an Ihrem Archiv und Ihrer Kundendatei.

Nolte: Wir bekommen jetzt ständig Anrufe deshalb. Aber unsere Kundendatei, unsere Geschäftskorrespondenz verkaufen wir nicht, so merkantil sind wir nicht ausgerichtet. Wir sind mit einem öffentlichen Archiv im Gespräch. Meine Frau und ich haben dieses Geschäft wesentlich aus Leidenschaft heraus betrieben, nicht um möglichst viel Geld zu verdienen. Das war auch ein Grund, weshalb wir das Auktionshaus schließlich nicht verkauft haben. Bei den Gesprächen mit den Interessenten standen die möglichen Profite zu sehr im Vordergrund.