Liebe Sina Mainitz,

es ist früher Morgen, und in einer dieser ewig laufenden Magazin-Sendungen wird "zu den Börsennachrichten nach Frankfurt" geschaltet. Normalerweise würde ich jetzt wegsehen und weghören, da die Börsennachrichten aus Frankfurt mir rein gar nichts bedeuten. Dann aber sehe ich Sie: Sina Mainitz.

Hinter Ihnen lauter Börsenbildschirme, börsengerechte Apparaturen und herumeilende Börsianer. Sie aber stehen locker und herbeigeweht mit langen, schwarzen Haaren da, als kämen Sie gerade von einem Jogginglauf, durch Frankfurter Buchen- und Eichenwälder. Man stellt Ihnen irgendeine belanglose Frage, die nicken Sie kurz weg, und dann legen Sie los.

Gibt es im deutschen Fernsehen eine Moderatorin, die so spricht und deutet wie Sie?! Nein, es gibt sie nicht. Druckreif perlen die Sätze aus Ihrem Mund, und sonst schwer durchschaubare Sachverhalte werden zu kleinen Blasen, die durch den Raum steigen und an den Dax-Tafeln zerplatzen. Mühelosigkeit, Leichtigkeit – und gute Laune, das vermitteln Ihre Sätze, die aus Wirtschaftsmeldungen kurze, interessante Erzählungen machen. Ärztin oder Apothekerin haben Sie eigentlich werden wollen, und ein wenig merkt man Ihnen diesen frühen Berufswunsch noch an. In einem weißen Kittel würde Ihre bestimmte, ruhige, positive Art fantastisch zur Geltung kommen, im Fernsehen aber sind Sie in Garderoben, von denen ich nicht zu schreiben wage, unschlagbar. Dass Sie eigentlich aus dem schönen Marburg kommen, Marburg noch immer lieben, mit Frankfurt aber ebenfalls sehr gut können, ahnte ich beinahe.

In Ihrem tiefsten Innern steckt etwas freundlich Hessisches, eine nicht zu übersehende Goethe-Essenz: die einer lebenszugewandten Frauengestalt aus dem Umkreis des Frankfurter Altmeisters. Wir könnten einmal am Mainufer entlangschlendern, und Sie würden mir erklären, was mir an der Börse gefallen sollte. Von dieser Stunde an würde ich es sogar über mich bringen, den Wirtschaftsteil der FAZ mit Sina-Mainitz-Augen zu lesen.

Eine letzte Frage: Was bedeutet der schöne Goldring an dem Mittelfinger Ihrer rechten Hand, den ich oft anstarre? Ich hoffe, nichts Ernstes.

Hanns-Josef Ortheil, 64, ist Schriftsteller, Drehbuchautor und Hochschullehrer