Innovation für alle

Mark Zuckerberg investiert seine Milliarden in die Verbesserung der Welt. Es hätte schlimmer kommen können

von Uwe Jean Heuser

Mark Zuckerbergs schlimmstes Vergehen ist, dass er so jung ist. Mit 31 Jahren ordnet er sein Lebenswerk, weil er mit seinem riesigen Vermögen die Welt verbessern will. Und nicht nur das, er verbindet dabei das Privateste und das Öffentlichste überhaupt, einen Brief ans Baby und eine Nachricht an alle.

Das wirkt auf viele anstößig. Aber warum eigentlich? Im Internet wachsen Unternehmen schnell, und keiner hat sein Imperium schneller aufgebaut als der Super-Nerd aus Menlo Park. Dass er die gefühlige Art der Ankündigung über Facebook wählte, ändert auch nichts an der Sache. Mark Zuckerberg und seine Frau Priscilla Chan wollen mit dem allergrößten Teil der Familienmilliarden keine Jachten und Inseln kaufen, sie wollen auch keine Armeen ausstatten und Kriege anzetteln. Vielmehr soll die Chan Zuckerberg Initiative vor allem auf den zwei Gebieten für Besserung sorgen, die allen am Herzen liegen: Bildung und Gesundheit.

Skepsis gab es natürlich immer, wenn Digitalmilliardäre zu Weltverbesserern mutierten. Microsoft-Gründer Bill Gates war 45, als er ernst machte mit seiner Milliardenstiftung und dem Versuch, die schlimmsten Krankheiten der Dritten Welt auszurotten. Erst schlug ihm Argwohn entgegen, seither ist sein Ansehen gewachsen. Seine Stiftung begeht zwar auch Fehler, zeigt aber vor allem, wie man den Gedanken von Effizienz und Vernetzung für die Armen der Welt nutzbar machen kann. Viele folgen diesem Ansatz, und nicht zuletzt der erfolgreichste Investor der Welt, Warren Buffett, ist so überzeugt davon, dass er viele Milliarden dafür lockermacht. Zuckerberg zählt schon lange zu Gates’ Bewunderern.

Aber wir müssen gar nicht nach Amerika schauen. Reinhard Mohn, der aus einem am Boden liegenden Verlag für Erbauungsschriften Europas führenden Medienkonzern machte, gründete 1977 die Bertelsmann-Stiftung und übertrug ihr später die Mehrheit am Konzern. Schon er wollte Effizienz in die Philanthropie bringen, wollte die Effekte des wohltäterischen Tuns messen und der Politik zeigen, wie sie große Probleme leichter lösen kann. Die Stiftung des 2009 verstorbenen Unternehmers ist umstritten, weil sie sich einmischt und dabei auch weltanschaulich Position bezieht. Gerade in der Bildung und beim Ausbau der Zivilgesellschaft hat sie indes in Deutschland einiges erreicht.

Ziehen wir bei Zuckerberg also das anstößige Alter und die Ankündigungsmethode mal ab. Was bleibt dann? Wieder einer der erfolgreichsten Unternehmer seiner Zeit, der versucht, mit neuen Methoden seine Milliarden für die Allgemeinheit nutzbar zu machen – sie also dort einzusetzen, wo solch ein Riesenvermögen natürlich auch hingehört. Wie schrecklich.

Doch Zuckerberg geht bei der Organisationsform einen neuen Weg, wie ihn zuletzt schon einige Silicon-Valley-Größen einschlugen. Er gründet keine Stiftung, die besonderen Kontrollen und Regeln unterliegt und dafür von der Steuer ausgenommen ist, sondern eine neuartige Form der Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Das lässt seiner Frau und ihm Freiheiten: Anders als eine Stiftung kann diese Gesellschaft auch in gewinnorientierte Unternehmen investieren und mit viel Geld politisches Lobbying betreiben. Sie ist also ein Investitionsvehikel für den guten Zweck, wie Chan und Zuckerberg ihn sehen.

Die Botschaft: Um die Welt zu verbessern, darf man sich nicht auf einen Weg festlegen, sondern muss immer den wirksamsten beschreiten. Auch das Gute muss keine roten Zahlen schreiben, wie eine wachsende Zahl von Sozialunternehmern weltweit zeigt. Vielmehr ist die moderne Zivilgesellschaft voller Mischformen zwischen neuartigen Unternehmen und klassischen Nichtregierungsorganisationen, und das spiegelt Zuckerbergs Konstruktion nun prominent wider. Übrigens verlässt sich auch Bill Gates nicht auf die ganz klassische Struktur einer Stiftung, das Vermögen managt vielmehr eine eigene Organisation, der Gates Foundation Trust.

Bleibt die Kritik, dass die Zuckerbergs dieser Welt dem Staat nicht trauen und meinen, sie könnten es besser mit der Weltverbesserung. In der Tat sind sie durchdrungen vom Glauben an die Veränderungskraft des Netzes und ihrer eigenen Ideen. Und doch haben sie immer wieder den Staat im Blick, wollen ihm neue Wege zeigen. Denn so dumm ist keiner von ihnen, egal wie reich, dass er glaubt, er könnte allein die Welt retten. Die umgerechnet mehr als 40 Milliarden Euro, die es irgendwann zu Zuckerbergs Lebzeiten mal werden könnten, klingen nach ungeheuer viel. Doch nehmen wir an, fünf Prozent davon würden Jahr für Jahr in gute Zwecke fließen. Diese gut zwei Milliarden Euro sind nichts im Vergleich zu den Budgets der großen Länder. Allein der Bundeshaushalt in Deutschland beträgt Jahr für Jahr rund 300 Milliarden Euro.

Sicher sollte der Staat Steuerschlupflöcher für Konzerne schließen, und vielleicht müsste Amerika seinen Milliardären auch sonst mehr abnehmen. Doch das ändert nichts daran: Es kann der Welt nur nutzen, wenn jemand mit Zuckerbergs Verstand, Eifer und Ungeduld versucht, ihr neue Wege aufzuzeigen.