Wie kann man über Stunden in einer Haltung verharren? Adrian B. hat die Hände vor sich auf dem Tisch gefaltet, den Blick gesenkt und rührt sich nicht. Um ihn herum sitzen fast zwanzig Leute und sprechen über ihn, die Richter, die Anwälte der Opferfamilie, sein eigener Verteidiger. Immer wieder hört er die Schilderung, wie er das Messer in einen anderen stach, wie der zu Boden ging, wie er starb, mit nur 21 Jahren. Er hört sich von Zeugen an, dass er, Adrian, ein Arschloch sei, Dreck, "ich kann den Namen von so jemanden nicht aussprechen", sagt ein Freund des Opfers. Adrian B. rührt sich nicht.

Adrian B. hat einen jungen Mann getötet, nur unwesentlich älter als er selbst. Es war eine Nacht im Mai, auf einer Straße in Billstedt, alle hatten Alkohol getrunken. Adrian war mit seiner Freundin unterwegs, sie stritten laut. Die Freundin weinte. Eine Gruppe junger Polen kam vorbei, fragte, was los sei, sagte der Freundin, Adrian habe so eine tolle Frau nicht verdient. Adrian ging weg, wutentbrannt. Sekunden später kommt er zurück, ein Messer in der Hand.

Was ist das für ein Mann, der nun über Tage und Wochen regungslos auf der Anklagebank sitzt, den Blick gesenkt? Ist er ein heimtückischer Mörder, wie es die Familie des Getöteten sagt, ein Mann, der lebenslang ins Gefängnis gehört? Oder ein Heranwachsender, der in einer aufgeladenen Situation im Affekt getötet hat, angestachelt von Alkohol und eigenen Gewalterlebnissen in der Kindheit? Darüber muss das Hamburger Landgericht nun sein Urteil fällen.

Adrian leugnet nichts. Nach der Tat war er zunächst weggerannt, dann ging er selbst zur Polizei. "Ich hätte nie gedacht, dass diese schreckliche Nacht so ein tragisches Ende haben könnte", sagte er im Oktober zum Auftakt des Prozesses, als er über Stunden die Geschehnisse schilderte, mal eloquent, mal mühsam um jedes Wort ringend. Seither ist der Fall selbst für die Staatsanwaltschaft vom Mord zusammengeschrumpft auf eine Schlägerei zwischen jungen Männern, wie sie auf Hamburgs Straßen täglich stattfinden, nur dass sie diesmal tödlich endete. Der Staatsanwalt fordert nur noch eine Haftstrafe von sechs Jahren und sechs Monaten, abzusitzen in der Jugendhaftanstalt. Adrian habe mit den Fäusten auf Kamil eingeschlagen, "wobei er dummerweise in der Hand ein Messer hielt". So formulierte es der Ankläger Anfang der Woche in seinem Plädoyer.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 50 vom 10.12.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Wie auch immer das Urteil lauten wird: Adrian hat sich in sein Schicksal gefügt. Das drückt schon seine Haltung aus. Er ist nicht das kleine Kind, das sich die Hände vors Gesicht hält, um unsichtbar zu sein. Im Gegenteil: Durch seine permanente Anspannung ist er im Prozess präsenter, als er es wäre, würde er sich gestatten, seinen Blick einmal durch den Saal schweifen zu lassen. Die Mutter von Kamil sitzt ihm an jedem Prozesstag gegenüber. Schwarz gekleidet, in der Hand ein Taschentuch, den Blick pausenlos auf Adrian gerichtet. Er hat ihr zu Beginn gesagt, dass er sich sehr schämt, dass er sich nichts mehr wünsche, als die schreckliche Nacht ungeschehen zu machen. Seither erlaubte er sich kein einziges Mal mehr, zu ihr aufzublicken. Er hält es einfach aus, dass ihr Blick auf ihm ruht, er mutet ihr keine Konfrontation durch eine Erwiderung zu. Als würde er jetzt schon Buße tun.

Am kommenden Montag wird das Landgericht sein Urteil verkünden. Nach dem Plädoyer der Staatsanwaltschaft ist es möglich, dass Adrian nicht als Mörder, sondern als jugendlicher Totschläger verurteilt, nur für ein paar Jahre ins Gefängnis kommen wird. Manche Zeugen haben angedeutet, dass die Gruppe, die sich in den Streit zwischen Adrian und seiner Freundin einmischte, womöglich auch provokant aufgetreten sei. Vielleicht, sagte der Verteidiger von Adrian, wäre es für Kamils Mutter leichter auszuhalten, "dass es ein dynamisches Geschehen war, aus dem heraus das Unglück passiert ist". Er hat eine Haftstrafe von höchstens sechs Jahren verlangt. Er sagte aber auch, dass eine solche Strafe für die Mutter von Kamil natürlich niemals zu verstehen sein würde.