Kampf der Großspurigkeit

Tot, alle tot. Die Colonnaden: "tot". Die Waitzstraße in Groß Flottbek: "tot", der Mühlenkamp in Winterhude und die Fuhlsbüttler Straße, die letzten kleinen Einkaufsstraßen Hamburgs: "alle tot". Der Mann, der das sagt, sieht sich als Überlebender eines Vernichtungsfeldzugs.

Auf der einen Seite stehen die rot-grüne Regierung und ihre Verkehrsplaner, auf der anderen Seite kleine Leute wie er, Stephan Herbolzheimer, noch Inhaber des Schuhgeschäfts Pepita am Eppendorfer Baum und Sprecher der Initiative "Rettet den Klosterstern". Es geht, wieder einmal, um Auto- und um Radfahrer, um Bäume und Parkplätze.

Aber wer verstehen will, wieso eine Verständigung mittlerweile unmöglich ist, der muss sich Herbolzheimers Deutung des Konflikts anhören. Der Mann glaubt, in Notwehr zu handeln.

In Wirklichkeit gibt es wenig Anlass, sich um die Einkaufsstraßen zu sorgen, die Herbolzheimer für zerstört hält. In den Colonnaden und der Waitzstraße sprechen die örtlichen Interessenvertreter voller Optimismus über vergangene und zukünftige Umplanungen. Genau so verhält es sich am vom Streit um die Busbeschleunigung erschütterten Mühlenkamp. In Fuhlsbüttel ist die Lage angespannter, was aber weniger an den Plänen zum Umbau als daran liegt, dass diese Pläne gerade umgesetzt werden: Baustellen sind immer schlecht für das Geschäft.

Aber im Konflikt um den Klosterstern und die angrenzende Geschäftsstraße Eppendorfer Baum zählen solche Erfahrungsberichte wenig. Die Verteidiger des Status quo haben sich, getrieben von Ängsten und befeuert von Oppositionspolitikern und der Bild-Zeitung, in ihrer Weltsicht eingekapselt.

Am Dienstag der vergangenen Woche haben die Verkehrsplaner des Landes die neueste Fassung ihrer Entwürfe in der Eppendorfer Nikolaikirche öffentlich vorgestellt.  Es wurde einer dieser Abende, wie die Planer sie inzwischen kennen, wenn es um Autos und Fahrräder geht: laut, unfreundlich, unsachlich. Es habe da eben "unterschiedliche Auffassungen" gegeben, die "in den Raum gerufen werden mussten", sagt Herbolzheimer.

Im Kern plant die Stadt zwei nicht sonderlich große Eingriffe. Der Klosterstern, ein unfallträchtiger zweispuriger Kreisel, in dessen Mitte sich eine überwiegend illegal genutzte Parkzone befindet, bekommt eine etwas schmalere Fahrbahn gemäß einem Konzept, das in Hamburg "unechte Zweispurigkeit" heißt: Die Fahrbahn bleibt breit genug für zwei Fahrzeuge, wird aber nicht mehr unterteilt. Der Radweg, bislang außerhalb des Kreisels und hinter Bäumen und parkenden Autos verborgen, kommt nun an den Rand der Fahrbahn und damit ins Gesichtsfeld der Autofahrer.

Außerdem wird in der angrenzenden Geschäftsstraße Eppendorfer Baum der Radweg aus der Bummelzone vor den Läden auf die Fahrbahn verlegt. Letzteres findet sogar Stephan Herbolzheimer richtig, zu oft kommen Fußgänger und Radfahrer einander ins Gehege. "Dass sich hier was ändern muss, ist uns klar", sagt er.

Die Unfallstatistik, ein Vorwand für fahrradfreundliche Planung?

Im Sommer hatten die Planer Passanten nach ihren Wünschen gefragt und Interessierte zu einem Workshop eingeladen (ZEIT Nr. 25/15). Inzwischen haben sich die Ladeninhaber mit ihrem wichtigsten Anliegen durchgesetzt: Weiterhin sollen Autos in ihrer Einkaufsstraße, dem Eppendorfer Baum, quer zur Fahrbahn parken. "Die haben sich bewegt", das gesteht Herbolzheimer den Planern zu.

Das Ergebnis ist gut für das Geschäft, weil so mehr Parkplätze erhalten werden, aber schlecht für die Radfahrer, die sich am Rand einer schmal geratenen Fahrbahn zwischen Lieferverkehr und Kurzzeitparkern ihre Wege suchen sollen. Seit gut zwei Wochen läuft am Klosterstern ein Verkehrsversuch: In Richtung Innenstadt können Autos nur noch auf einer Spur in den Kreisel fahren, so wie es in Zukunft geplant ist.

Von den "Mega-Staus", vor denen die Bild-Zeitung warnte, kann keine Rede sein, aber zu den Stoßzeiten fließt der Verkehr zäher als vorher. Das ist eingeplant, es ist der Preis, den Autofahrer für den Gewinn an Sicherheit zahlen sollen. Herbolzheimers Erbitterung rührt daher, dass er den Umbau insgesamt bis auf wenige Details für überflüssig und ideologiegetrieben hält. "Weil es funktioniert, wie es ist, soll es bleiben, wie es ist", fordern er und seine Mitstreiter.

Und die Unfälle? Die Polizeistatistik ist der wichtigste Grund für die Umgestaltung des Kreisels. Durchschnittlich wird alle vier Wochen auf dem Klosterstern ein Verkehrsteilnehmer verletzt, fast immer ein Radfahrer oder Fußgänger und fast immer durch die Schuld eines Autofahrers. "Das stellen wir komplett in Abrede", sagt Herbolzheimer. Aus seiner Sicht ist die Unfallstatistik bloß ein Vorwand, um eine fahrradfreundliche Planung durchzusetzen. Mit verletzten Radfahrern, findet der Geschäftsinhaber, müsse man sich nicht aufhalten, sofern sie nicht schwer verletzt wurden. Und mit Schwerverletzten auch nicht, solange sie nur in der Polizeistatistik auftauchen. Die seien, mutmaßt er, womöglich bloß zur Überwachung ins Krankenhaus eingeliefert worden.

Herbolzheimer hat Zeichnungen der Planer gesehen, Architektenskizzen, auf denen mehr Fahrräder als Autos zu sehen sind. "Wenn es so aussieht, sind wir Einzelhändler tot", sagt er. Aber wird die Geschäftsstraße durch die Umgestaltung nicht schöner? "Wir wollen gar nicht, dass es schöner aussieht", kontert Herbolzheimer. "Wir sind zufrieden, wie es ist."