Es ist Zeit, die Hysterie-Bremse zu ziehen – und zu begründen, warum Marine Le Pens Triumph in Frankreichs Regionalwahlen und Donald Trumps aberwitzige Rhetorik nicht den Untergang des Abendlandes verkünden. Dazu muss der Leser sich leider mit den drögen Zahlen beschäftigen.

Donald Trumps Absaufen in den Umfragen wird seit Monaten vorausgesagt. Nur: Unter den Republikanern läuft er national mit rund 30 Prozent nach wie vor an der Spitze. Andere hinken mit jeweils 15 Prozent hinterher. Trump führt auch in Iowa und New Hampshire, die den Vorwahl-Marathon im Januar eröffnen. Dort liegt er mit 27 Prozent vorn – mit fünf oder gar 15 Punkten vor dem jeweils Zweitplatzierten: Ted Cruz in Iowa, Marco Rubio im "Granit-Staat".

Die Vorwahlen aber geben nur die Stimmungslage der Partei wieder. Abgerechnet wird bei der Präsidentschaftswahl in elf Monaten. Nach dem heutigen Stand kann nur ein Republikaner gegen die Spitzenfrau der Demokraten, Hillary Clinton, gewinnen: Marco Rubio, der junge Senator aus Florida, der die Mitte der Partei repräsentiert. Fazit: Entweder er oder sie, Mitte-rechts oder Mitte-links – und die Welt bleibt in Ordnung. Primaries sind immer Denkzettel-Wahlen, wo Protest billig ist. Wenn es ums Weiße Haus, um die nächsten vier Jahre geht, verblassen Wut und Abenteuerlust; dann stimmt das Wahlvolk für Berechenbarkeit.

Die Sache ist komplizierter in Frankreich. In der ersten Runde der Regionalwahlen haben Mitte-links (Hollande plus Verbündete) und Mitte-rechts (Sarkozy und Partner) die Hälfte der Stimmen kassiert. Wird das Volk aber gefragt, wen es in der zweiten Runde am Sonntag wählen würde, kommen Hollande, Sarkozy und "Andere" auf 70 (!) Prozent, während Le Pens "Nationale Front" mit 30 etwa gleich bleibt. Solche Voraussagen sind angesichts des vertrackten Wahlrechts mit Skepsis zu genießen, aber sie zeichnen die Richtung vor. In der Stunde der Wahrheit entscheiden sich die Duponts in Frankreich und die Smiths in Amerika für das Vertraute und Berechenbare.

Das ist der Unterschied zu den Zwanzigern und Dreißigern, als Faschisten und Nazis in Europa an die Macht kamen. Heute quälen nicht nationale Erniedrigung und Weltwirtschaftskrise die Seelen, die nach Erlösung durch Duce und (Ver-)Führer lechzten. Heute ist es wirtschaftliche Stagnation auf hohem Niveau. Plus Flüchtlinge, Terror, Euro, offene Grenzen, Europa überhaupt. Das sind ernste, nicht existenzielle Krisen, zumal ein großzügiger Wohlfahrtsstaat den totalen Absturz verhindert.

Die Bürger sind sauer. Sie fühlen sich von den politischen Eliten nicht verstanden. Sie lassen ihren Ärger in Vor-Runden wie in Frankreich und Amerika aus. Aber sie sind auch seit 1920 ff. realistischer, abgebrühter geworden. Warum sollten es Le Pen oder Trump – oder gar die AfD – besser können als Hollande oder Obama?

Voraussagen darf man, dass Europa wie Amerika etwas nach rechts rücken werden, aber bestimmt nicht in die Klauen der "schrecklichen Vereinfacher", wie die Franzosen sagen. Gott sei Dank sind die Wähler zynischer, als die Alarmisten wähnen. Das Pendel schlägt diesmal nach rechts aus, aber es wird nicht die Uhr zertrümmern.