DIE ZEIT: Frau Wendel, Herr Theobald, wann haben Sie sich zuletzt über Intoleranz geärgert?

Saskia Wendel: Ich ärgere mich momentan jeden Morgen, wenn ich in die Zeitung schaue: einerseits über religiöse Fanatiker, andererseits über Vorurteile gegenüber Fremden. Toleranz heißt Anerkennung der Freiheitsrechte und der Überzeugung anderer. Leicht gesagt, schwer zu lernen.

Christoph Theobald: Ich habe mich über den Wahlsieg des Front National geärgert, weil er zeigt, dass die politische Klasse in Frankreich unfähig ist, auf Identitätsängste in der Gesellschaft angemessen zu reagieren. Jetzt werden diese Ängste, die soziale und ökonomische Ursachen haben, auf Flüchtlinge und Muslime projiziert.

ZEIT: Was ist da in der Politik falsch gelaufen?

Theobald: Frankreich hat zwar heute kein starkes Christentum mehr, aber kulturell ist das Land katholisch geblieben, und das heißt: zentralistisch und hierarchisch. Dadurch wurde ein sozialer Dialog an der Basis, in den Departements und Gemeinden, verhindert. Außerdem hat der französische Laizismus, also die strikte Trennung von Kirche und Staat, zur religiösen Sprachlosigkeit in der Öffentlichkeit beigetragen. Viele Politiker sind heute unfähig, mit religiösen Phänomenen umzugehen. Ein typisches Beispiel: Die Vereinigung der französischen Bürgermeister hat vor zwei Wochen einen Erlass an alle Bürgermeisterämter geschickt, sie dürften keine Weihnachtskrippen in öffentlichen Gebäude aufstellen. Und warum? Aus Angst, dass auch der Islam religiöse Symbole zeigen will.

ZEIT: Teilen Sie die Ansicht mancher konservativer Politiker, dass in Frankreich hauptsächlich der Laizismus am Erstarken des islamischen Fundamentalismus schuld sei?

Wendel: Der Laizismus kann wirklich etwas Ausschließendes haben. Aber es ist zunächst mal ein religionsinternes Problem, wenn eine Religion sich immunisiert gegen kritische Einwände. Wo Kritik nicht stattfinden darf, entstehen fundamentalistische Attitüden. Das gibt es natürlich nicht nur in der Religion. Aber ich erinnere mich noch gut daran, wie sich bei uns in Deutschland Christen über blasphemische Filme oder Theaterstücke beschwerten und zum Boykott aufriefen, anstatt sich mit dem Inhalt kritisch auseinanderzusetzen. Eine klare Immunisierungstendenz, die der Meinungsfreiheit zuwiderläuft.

Theobald: Der These, dass ein laizistisches Staatssystem religiösen Fundamentalismus produziert, würde ich scharf widersprechen. Frankreichs Trennung von Kirche und Staat im Jahr 1905 war keineswegs ideologisch überfrachtet. Liberale Protestanten haben entscheidend an diesem Gesetz mitgewirkt, das den Kirchen viel pastoralen Spielraum lässt und ihnen beim Unterhalt ihrer Kirchenbauten hilft. Der Laizismus darf nur nicht so weit gehen, dass die verschiedenen religiösen Traditionen sich nicht mehr in die Gesellschaft einbringen können. Das betrifft auch den Islam. Übrigens ist die Mehrheit der französischen Muslime ja durchaus willens, sich in die republikanische Staatsform zu integrieren.

ZEIT: In Deutschland kritisieren jüngere muslimische Theologen heute den Staat, allzu bereitwillig mit Vertretern eines konservativen Islams zusammengearbeitet und eine liberale Theologie nicht gefördert zu haben. Sie wünschen sich mehr politische und öffentliche Unterstützung für eine historisch-kritische Lehre. Zu Recht?

Wendel: Der Islam braucht meiner Meinung nach eine kritische Koran-Hermeneutik und eine offenere Auseinandersetzung mit den Geltungsansprüchen der eigenen religiösen Überzeugungen. Wie rechtfertigt man diese in einer pluralen Gesellschaft? Das ist eine Frage, mit der wir christlichen Theologen uns seit Langem beschäftigen. Aber das von außen von einer anderen Religion einzufordern, das empfände ich als eine Form von intellektueller Anmaßung.