Bye-bye, alter Freund

Siebzig Jahre lang war auf diese Freundschaft Verlass. Der Westen und die Saudis – das ist die Geschichte eines schmutzigen Deals: Ihr liefert uns Energie und sorgt in der Region für Stabilität, dafür sehen wir weg, wenn wieder einmal ein Oppositioneller wie der Blogger Raif Badawi ausgepeitscht wird oder fundamentalistische Moscheen weltweit mit saudischem Geld finanziert werden.

Doch jetzt ist der Westen auf das saudische Öl weniger angewiesen, und die Zweifel wachsen, ob die Saudis noch für Stabilität sorgen. Sie führen Krieg im Jemen, sie stehen dem "Islamischen Staat" (IS) religiös-ideologisch nahe, sie proben den Aufstand gegen das Atomabkommen der Großmächte mit dem Iran. Es könnte der Anfang vom Ende einer wechselseitigen Abhängigkeit sein, die jahrzehntelang die internationale Ordnung geprägt hat.

Westliche Politiker gehen auf Distanz, Zeichen der Entfremdung kommen sogar aus Berlin, wo man über Saudi-Arabien selten ein böses Wort verlor. Erst macht der Bundesnachrichtendienst ein Positionspapier öffentlich, in dem mit Hinblick auf den Jemen die "impulsive Interventionspolitik" Saudi-Arabiens kritisiert wird, dann verkündet Sigmar Gabriel an die Adresse des Regimes in Riad, dass "die Zeit des Wegschauens vorbei" sei.

Dabei ist Saudi-Arabien nicht nur ein wichtiger Verbündeter im Kampf gegen die IS-Dschihadisten, sondern ein Großkunde der deutschen Rüstungsunternehmen und vor allem das Land mit den umfangreichsten Erdölvorräten der Welt.

Doch was einst kostbar und knapp war, ist jetzt im Überfluss vorhanden: Im vorigen Jahr mussten noch mehr als 100 US-Dollar für das Fass Erdöl bezahlt werden, am Montag dieser Woche kostete es weniger als 40 US-Dollar. In Ländern wie Deutschland sind alternative Energien auf dem Vormarsch, in den USA wurde mit der Förderung von Schieferöl der Energiemarkt revolutioniert. Die USA produzieren heute mehr Öl als jedes andere Land der Welt. Das Erdöl hat die USA und Saudi-Arabien in eine Schicksalsgemeinschaft gezwungen, jetzt macht es sie zu Konkurrenten.

Saudi-Arabien trifft das hart. Denn kaum ein Land ist so abhängig vom Öl – etwa 90 Prozent seiner Exporterlöse erwirtschaftet Saudi-Arabien im Petroleumgeschäft, trotz aller Versuche der Regierung, andere Wirtschaftszweige zu fördern. Die Ölverkäufe haben den Scheichs einen märchenhaften Reichtum beschert. Mit seinen Überschüssen kaufte sich Saudi-Arabien in westliche Unternehmen wie Apple, Twitter oder eBay ein. Öl schmiert das ganze Land: die Wasserentsalzungsanlagen wie die Achtzylinder-Limousinen. Für das Königshaus ist das Verteilen von Wohltaten an die Untertanen ein Instrument zur Sicherung der eigenen, absolutistischen Machtfülle.

Doch nun klafft ein gewaltiges Loch in der Staatskasse. Nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) muss das Land im kommenden Jahr Schulden in Höhe von rund 20 Prozent der Wirtschaftsleistung aufnehmen. Dagegen wirkt Alexis Tsipras solide. Die Saudis werden gezwungen, etwas zu tun, womit sie wenig Erfahrung haben: Sie müssen sparen. Ein Experiment mit ungewissem Ausgang in einem Land, das nur durch viel Geld im Inneren zusammengehalten wird. Kein Wunder, dass die Aussicht auf Jahre der Austerität für Unruhe sorgt. Die Chefanalysten der amerikanischen Großbank Citigroup vergleichen die Situation in Saudi-Arabien bereits mit dem Zerfall der Sowjetunion – auch der ereignete sich in einer Zeit niedriger Ölpreise.

Bye-bye, alter Freund

In ihrer Verzweiflung setzen die Scheichs auf eine Strategie der maximalen Konfrontation. Statt die Ölproduktion zu drosseln, fluten sie den Weltmarkt mit Öl und durchkreuzen alle Versuche der Opec, die Förderung zu begrenzen. Das letzte Treffen des Kartells am vergangenen Freitag endete deshalb im Chaos. Das Kalkül der Scheichs: Sie wollen den Preis so lange niedrig halten, bis andere Produzenten, auch in den USA, entnervt aufgeben.

Doch könnte es sein, dass die Saudis zuerst in die Knie gehen. Sie haben zwar Währungsreserven in Höhe von rund 600 Milliarden Dollar für schlechte Zeiten angehäuft. Aber wenn nichts geschieht, sind diese nach Einschätzung des IWF in fünf Jahren aufgezehrt. Das Beispiel Venezuela zeigt, wie schnell es gehen kann: Dort stürzten am Wochenende die seit 1998 regierenden Sozialisten, weil wegen des niedrigen Ölpreises auf einmal nicht mehr genug Geld da ist für großzügige staatliche Ausgabenprogramme.

Die große Hoffnung für die Saudis sind schnell wachsende Schwellenländer, die immer noch auf Öl angewiesen sind und sich wenig für Menschenrechte interessieren. Längst sind die Chinesen ein Hauptinvestor am Golf. Indien liegt in der Nachbarschaft. Hier sieht Saudi-Arabien die Märkte der Zukunft.

Die Wende nach Osten geht einher mit der Entfremdung vom großen Partner und Protektor USA. In den Amtsstuben saudischer Beamter in Riad hängen noch die Bilder der großen gemeinsamen Vergangenheit: als Franklin D. Roosevelt und Abdel Asis ibn Saud 1945 den Beginn ihrer Petro-Freundschaft auf dem Flugzeugträger Quincy besiegelten; als die Amerikaner den Ölkonzern Aramco gründeten; als man sich im Kalten Krieg auf eine Strategie gegen die Sowjetunion einigte. Erinnerungen an eine vergangene Epoche.

Das Entsetzen der Saudis begann 2003, als die Amerikaner im Irak Saddam Hussein wegfegten, einen Pistolero, der zugleich ein Feind des verhassten Irans war.

Nun haben die Amerikaner einen ähnlich folgenreichen Schritt getan. Präsident Obama entlässt den Iran mit dem Atomdeal allmählich aus dem Korsett der Sanktionen, die den Saudis über Jahre einen wichtigen Vorteil gegenüber dem Iran sicherten. Unisono mit Israel hatten die Saudis Washington vor dieser Öffnung gewarnt. Ohne Erfolg.

Saudi-Arabien sieht sich umzingelt. Der "schiitische Halbmond" beginnt am Mittelmeer in Südbeirut und zieht sich über Damaskus und Bagdad bis nach Teheran. Schiiten leben in Kuwait, im Osten Saudi-Arabiens, in Bahrain und im Jemen. Überall sehen die Herrscher in Riad die iranischen Revolutionsgarden hinter der schiitischen Bevölkerung. Die Saudis fühlen sich bedrängt, beengt und von den Amerikanern verlassen.

Bye-bye, alter Freund

Nun versuchen sie es auf eigene Faust. Im Jemen intervenieren die Saudis gegen den Rat der Amerikaner. Mit einer Allianz kleinerer Staaten bekämpfen sie die schiitischen Huthi-Milizen, die den Norden und Westen des Landes kontrollieren. Vorbei ist es mit der saudischen Scheckbuchdiplomatie, jetzt greift das Land militärisch in der Nachbarschaft ein.

Das hat vor allem mit Mohammed bin Salman zu tun, dem Verteidigungsminister und jungen Sohn des Königs Salman. Der Krieg im Jemen soll das Gesellenstück werden, das ihm die Thronfolge sichert. Er setzt erstmals seit einem Vierteljahrhundert das saudische Militär in einem Konflikt im Nachbarland ein. Und braucht jeden Monat mehr Geld für die Operation aus der bereits geschröpften Staatskasse. In der Königsfamilie hat Mohammed bin Salman reichlich Gegner, deshalb strebt er nach immer größerer Macht, etwa durch Mitsprache beim Ölkonzern Saudi-Aramco oder im Wirtschaftsrat. Beobachter im Westen fürchten, dass das Postensammeln des Königssohns zu Kämpfen in der Familie führen könnte.

Die Stimmen in Europa werden lauter, man solle Saudi-Arabien behandeln wie jedes andere fundamentalistisch-islamische Land. Als Gegner. In den USA schlagen Nahostexperten offen vor, sich von Riad abzuwenden und Teheran anzunähern. US-Neokonservative träumen schon lange vom regime change in Riad, einem neukolonialen Projekt. Zeit für den Abschied von den Saudis?

Der Westen steckt in einem Dilemma. Bei den Wiener Verhandlungen über einen Waffenstillstand in Syrien sitzt Saudi-Arabien am Tisch. Als großzügiger Unterstützer der sunnitischen Opposition gegen den Diktator Assad. Als sunnitische Vormacht gegen den IS, der trotz ähnlicher Ideologie ein scharfer Konkurrent ist, denn er strebt den Sturz des saudischen Königshauses an.

Kein anderes Land als Saudi-Arabien kann diese Rolle glaubhaft einnehmen, weder Ägypten noch die Türkei.

In genau diesem Widerspruch verfing sich der deutsche Vizekanzler. Einerseits attackierte Gabriel das Regime in Riad. Andererseits sagt er, der Westen brauche die Saudis "zur Lösung der regionalen Konflikte". Manche in der Bundesregierung fürchten auch die Konsequenzen eines möglichen Niedergangs des saudischen Königshauses. Die Opposition in dem erzkonservativen Land steht schließlich rechts und sympathisiert mit dem IS.

Und so mischt sich in die Erleichterung über die geringere Abhängigkeit vom saudischen Öl zunehmend die Angst vor der eigenen Courage. Dabei wäre die schwindende Abhängigkeit vom saudischen Öl eine Gelegenheit, zwar nicht die Syrien-Verhandlungen, aber den seit Jahrzehnten anhaltenden diplomatischen Ausnahmezustand am Golf zu beenden und Saudi-Arabien als das zu behandeln, was es ist: ein autoritär regiertes arabisches Land, das einen Sonderstatus nicht verdient.