Das Theater muss politisch werden, gerade jetzt, in Anbetracht von Flüchtlingsleid und islamistischem Terror. So hatten auch wir im September geschrieben und den Hamburger Bühnen Ästhetizismus und Ignoranz vorgeworfen. Das war ein Fehler. Nach Ansicht von Karin Beiers Schiff der Träume am vergangenen Samstag muss man sagen: ein grober Fehler.

Aber nicht, weil die Diagnose komplett falsch gewesen wäre – es wird immer noch viel Triviales und Kokett-Marktgängiges gespielt –, sondern weil man einen falschen Begriff von Politik veranschlagt hatte. So gesehen hat einem Beier mit ihrer Inszenierung gleich in doppelter Hinsicht den Kopf gewaschen: Das Schauspielhaus, begreift man nun, ist der Ort, wo die gesellschaftliche Verantwortung des Theaters aktuell und in brisantester Weise ausgehandelt wird. Und es ist der Ort, der uns zwingt, unseren Begriff von engagierter Kunst generell zu überdenken.

Schiff der Träume, das war ursprünglich ein Film von Federico Fellini von 1983. Eine Opernsängerin soll im Kreise ihrer Anhänger auf hoher See bestattet werden. Die Künstlertruppe macht sich während der Reise das Leben zur Hölle, und als eine Handvoll Boatpeople auf der Flucht aus Serbien aufs Schiff kommt – man schreibt das Jahr 1914, kurz nach dem Attentat von Sarajevo –, ist der Eklat programmiert.

Wie leicht hätte Beier aus dieser Konstellation ein symbolpolitisches Spektakel machen können: Hier die dekadenten Künstler, dort die Flüchtlinge, vorzugsweise aus dem Mittleren Osten, und dann hätte man beide Gruppen gegeneinander ausgespielt mit dem Ziel, noch ein bisschen mehr Betroffenheit herzustellen aufseiten des Abonnentenpublikums, das ja schon auf dem Weg ins Theater das Flüchtlingselend in Gestalt von Zelten und Suppenküche auf dem Bahnhofsvorplatz in Augenschein nehmen konnte.

Man klammert sich an die eigene Arroganz wie an einen Rettungsring

Karin Beier und ihre Dramaturgen Stefanie Carp und Christian Tschirner tappen nicht in die Falle des Aktivismus. Sie holen keine Vertriebenen auf die Bühne, wie das in letzter Zeit – siehe die Thalia-Produktionen Ankommen und Die Schutzbefohlenen – üblich geworden ist.

Sie simulieren auf der Bühne nicht politische Arbeit – die wird ja konkret vollzogen, jeden Abend, wenn das Haus Dutzende Flüchtlinge zur Übernachtung aufnimmt; ein Hilfsprojekt, das die Mitarbeiter seit Monaten auf freiwilliger Basis in Gang halten. Nein, auf der Bühne findet etwas Radikaleres statt: Die Institution Theater als Herstellungsapparat korrekter Gesinnung havariert.

Das beginnt heiter und exzentrisch. Das Opernensemble ist nun ein Orchester, der Chef soll auf See bestattet werden, hierfür ist die Aufführung seines Hauptwerks geplant. Titel: Human Rights Number Four. Ausgerechnet. Man probt, streitet und schikaniert ansonsten das Bordpersonal. "Spielen Sie weiter, auch wenn Ihnen nicht danach ist", heißt es in der Partitur des Maestros, und das ist auch die Regieanweisung für diese verpfuschten Künstlerleben. Man klammert sich an die eigene Arroganz wie an einen Rettungsring und wird darüber immer frustrierter.