Am elften Prozesstag bricht einer der Angeklagten sein Schweigen. Nur bricht er es nicht, um endlich zu sprechen. Es ist ein Dienstag im November, Strafjustizgebäude, Saal 237, als sich der Angeklagte, 30 Jahre alt, zu seinem Verteidiger hinüberbeugt und ihn mit wenigen Worten auffordert, zu schweigen.

"Werden Sie weitere Fragen beantworten?", fragt der Vorsitzende Richter daraufhin. "Nein, natürlich werde ich nichts sagen", antwortet der Angeklagte. "Natürlich ist das nicht", sagt der Richter. "Ich werde weiterhin nichts sagen, wozu auch?", sagt der Angeklagte.

Es bleibt das einzige Mal, dass sich im Prozess einer der vier Angeklagten selbst äußert. Denn der Kiez hat beschlossen, zu schweigen.

Seit September verhandelt das Amtsgericht gegen vier 24 bis 30 Jahre alte Männer, die möglicherweise zu einer berüchtigten Kiez-Gang gehören. Ihnen wird vorgeworfen, zwei Türsteher vor einem Club in der Großen Freiheit angegriffen zu haben. Eine Kamera hat die Tat aufgezeichnet.

Es ist ein Sonntagmorgen, 4. Januar 2015, 6.48 Uhr, als fünf Männern der Einlass in den Club verweigert wird. Die Gruppe diskutiert, es gibt ein Handgemenge, dann schlägt einer der Angeklagten gegen den Kopf eines Türstehers. Eine Bierbank fliegt, auch ein Barhocker. Jemand zückt ein Messer, ein anderer wirft einen Aschenbecher. Die Türsteher verteidigen sich mit Schlägen und Pfefferspray. Plötzlich zieht einer der Angreifer eine Pistole und schießt einem Türsteher ins Bein. Die Angreifer fliehen. Der mutmaßliche Schütze soll sich inzwischen ins Ausland abgesetzt haben. Die vier anderen sitzen nun vor Gericht: angeklagt wegen gefährlicher Körperverletzung.

Es geht auf den ersten Blick nur um eine Disco-Schlägerei, wie sie immer wieder vorkommen kann in der Großen Freiheit. Andererseits sitzen vier Männer auf der Anklagebank, muskelbepackt und tätowiert, allesamt polizeibekannt, zwei von ihnen mit laufenden Bewährungsstrafen und seit zehn Monaten in Untersuchungshaft. Sie sollen zu einer Gruppe gehören, die das Eros Center kontrollierte, eines der wichtigsten Bordelle auf dem Kiez. Es geht also auch um die Strukturen und Kulturen des Kiezes. Es geht um Macht und Stärke, Gewalt und Einschüchterung, Rivalitäten und Reviere. Der Vorsitzende Richter bemüht sich seit Monaten, dieses Geflecht zu durchdringen.

An 14 Verhandlungstagen hat das Gericht bisher fast 20 Zeugen geladen: Polizisten, die beiden Türsteher und ihren Chef, Partygäste, Freunde und Angehörige. Manche sagten erst aus, als ihnen Ordnungshaft angedroht wurde. Andere verweigerten die Aussage, um sich nicht selbst zu belasten. Es gab Zeugen, die trotz Geldstrafe nicht vor Gericht erschienen. Und diejenigen, die kamen, erklärten häufig, sie könnten sich nicht mehr erinnern.

"Strengen Sie sich an!", ruft die Staatsanwältin am ersten Prozesstag. "Immer zu sagen, Sie erinnern sich nicht mehr, das reicht mir nicht!" Der angeschossene Türsteher ist als erster Zeuge geladen. Er druckst, stockt und zögert. Rutscht auf dem Stuhl hin und her, reibt sich nervös die Hände. Hinter ihm sitzen die vier Angeklagten, breitschultrig und mürrisch.

"Sie mauern!", sagt der Vorsitzende Richter und droht dem Türsteher mit Haft. "Es gab einen Tumult, Streit – und dann hat mir jemand in den Fuß geschossen", sagt der schließlich. "Das ist schon so lange her, seitdem ist sehr viel passiert."