Wenn wir den Halt verlieren, plötzlich unsicher auf den Beinen sind oder sich der Raum zu drehen scheint, ist das nicht nur unangenehm. Es weckt auch Ängste. Vertigo nennen Mediziner den Schwindel – und Alfred Hitchcock hat nicht ohne Grund einen seiner unheimlichen Filme so betitelt. Schwindel ist ein Warnsignal, und natürlich kann schlimmstenfalls etwas Ernstes dahinterstecken: Wer im Internet nach möglichen Ursachen stöbert, findet eine Palette albtraumhafter Befunde. Doch die sind selten. In den meisten Fällen besteht kein Grund, sich zu fürchten. Schwindel fühlt sich dramatisch an, ist häufig aber eine harmlose und gut behandelbare Laune der Natur.

1. Vielleicht sind ein paar Steinchen locker

Im Gleichgewichtsorgan in unserem Innenohr lagern kleine Kristalle, eingebettet in Gelkissen. Mit ihrer Hilfe lassen sich passive Bewegungen spüren, etwa wenn wir im Auto beschleunigen oder im Fahrstuhl abwärtsfahren. Gelegentlich lösen sich einige Steinchen und purzeln in die Bogengänge. Das Gehirn erhält dann widersprüchliche Botschaften und reagiert mit Drehschwindel. Der kann so heftig sein, dass sich die Betroffenen an Wänden und Türen festhalten oder auf allen vieren durch die Wohnung krabbeln.

Gegen diesen gutartigen Lagerungsschwindel helfen spezielle Befreiungsmanöver für die Kristalle: Übungen, die sich praktischerweise auf der Bettkante machen lassen. Die Steinchen landen dann wieder an einem Ort, an dem sie keine Verwirrung stiften. Die Übungen lässt man sich am besten vom HNO-Arzt erklären. Daneben hilft es, sich viel zu bewegen – und nicht lange im Bett zu liegen; Letzteres verzögert bloß das Abklingen der Symptome. Auslöser kann ein Schädelhirntrauma durch einen Unfall oder auch lange Bettruhe sein, etwa nach einem Beinbruch. Meist findet sich jedoch gar kein Grund, warum die Steinchen verrutschen.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem neuen Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

2. Manchmal verdrehen uns große Gefühle den Kopf

Dass Liebe uns schwindelig machen kann, weiß jeder. Aber auch heftige Wut oder Angst können dies auslösen. Nach einem Streit mit dem Partner zum Beispiel. Oder dann, wenn der tyrannische Chef den Raum betritt. In solchen Momenten spüren wir den Schwindel anstatt der eigentlichen Emotion – die wir unterdrücken, weil sie uns womöglich sozial unverträglich erscheint. Häufig hilft es dann bereits, sich diesen Zusammenhang bewusst zu machen. Es sei denn, man leidet unter einer Angststörung, die natürlich therapeutisch behandelt werden sollte.

3. Starkes Schwitzen bringt Menschen ins Wanken – erst recht wenn Koffein im Spiel ist.

Auch eine Störung des Elektrolythaushalts kann Schwindel auslösen: Die riskiert zum Beispiel, wer die Nächte durchtanzt oder das Wochenende über beim Hausbau anpackt, stark schwitzt und sich mit Energydrinks wach hält. Das Koffein in den Aufputschgetränken treibt die Harnausscheidung an, der Körper dehydriert. Nicht selten ein Fall in der Notaufnahme.

4. Altbekannt, aber nicht zu unterschätzen: ein zu niedriger Blutdruck.

Nehmen Sie blutdrucksenkende Mittel? Oder neigen Sie generell zu niedrigem Blutdruck? Dann kann rasches Aufrichten Schwindel auslösen, etwa nach dem Fahrradaufpumpen. Dabei versackt das Blut in den Beinen, das Blutvolumen im Herzen nimmt ab, das Gehirn wird zu wenig versorgt, der Augeninnendruck lässt nach, und es wird einem schwarz vor Augen. Lösung im ersten Fall: Dosis der Blutdrucksenker reduzieren, aber unbedingt in Absprache mit dem Arzt. Im zweiten Fall: salzreich ernähren, viel trinken, Ausdauersport treiben, notfalls Kompressionsstrümpfe tragen.

5. Jetzt bitte stark sein: Es könnte sich um ein Zeichen vorzeitiger Alterung handeln.

Im Laufe des Lebens kann es zu einem Ausfall der Gleichgewichtsorgane in beiden Ohren kommen. Die Betroffenen schwanken dann vor allem im Dunkeln und beim Gehen auf unebenem Grund. Die gute Nachricht: Diese Art Schwindel lässt sich durch Balancetraining lindern. Der Ausfall selbst ist zwar nicht rückgängig zu machen, die Symptome nehmen jedoch nicht mehr zu. Und auch die beruhigende Information, dass dieser Schwindel keinerlei Schäden hinterlässt, kann bereits erheblich helfen.