Heute hat das Warten ein Ende. Auf einem Hügel der zertrümmerten Altstadt von Sindschar steht Kassim Chalaf, ein 22-jähriger Jeside, inmitten von zweihundert kurdischen Kämpfern und hofft auf den Befehl zum Angriff. Am Morgen hat sein Kommandeur einen Funkspruch des Feindes abgefangen, darin befahl ein Emir des "Islamischen Staates" seinen Kämpfern, die Stadt aufzugeben. "Die Feiglinge hauen ab", sagt Kassim Chalaf, und es klingt fast enttäuscht.

Das Drama begann am 3. August 2014, als Daaisch, wie sie den IS hier nennen, die Region Sindschar überrannte und innerhalb weniger Wochen Tausende Jesiden verschleppte, versklavte, vergewaltigte, massakrierte. Ein Blitzkrieg gegen eine religiöse Minderheit. Wer sich retten konnte, floh ins Sindschar-Gebirge, wo Hunderte verdursteten und verhungerten. So brutal fiel Daaisch über die Jesiden her, dass Präsident Obama beschloss, den IS zu bombardieren. Doch erst die kurdischen Bodentruppen der PKK und der YPG konnten den dschihadistischen Blutrausch stoppen.

Damals griff Kassim zur Waffe und schloss sich ihnen an. 15 schreckliche Monate würde die jesidische Hauptstadt Sindschar besetzt sein, das Herzland und seit Jahrhunderten Zufluchtsort einer alten Religion. 15 Monate lang würde Kassim, wie so viele Jesiden, mit der PKK (er ist ja selbst Kurde) kämpfen. Am Ende würden sie den IS in Sindschar besiegen, während Europas Pazifisten weiterhin standhaft behaupteten, so sein Sieg sei mit militärischen Mitteln unmöglich.

November 2015. Kampfflugzeuge der Koalition bombardieren ununterbrochen die Stellungen des IS. Von den Berghängen schießen Peschmerga mit Artillerie auf die Stadt. Vom Westen und Osten rücken kurdische Einheiten vor, 10.000 bewaffnete Männer mit Panzern nehmen Sindschar in die Zange. Zuerst erobern sie Highway 47, die Verbindungsstraße zwischen Rakka in Syrien und Mossul im Irak, den beiden Hochburgen des IS. Damit kappen sie einen der wichtigsten Versorgungs- und Nachschubwege der Extremisten.

Ein kalter Wind weht von Westen, und Kassim schließt den Reißverschluss seiner Lederjacke, während er ungeduldig von einen Fuß auf den anderen tänzelt. Um kurz vor 10 Uhr gibt der PKK-Kommandeur endlich den Befehl zum Angriff. Kassim und die anderen Kämpfer stürmen laut schreiend den Berg hinunter, dringen in die vom IS kontrollierten Viertel vor, rennen durch zerstörte Straßenzüge, bis sie am anderen Ende der Stadt ankommen – ohne einen einzigen Schuss abzugeben. Daaisch ist geflohen. Die Barbaren sind einfach weg. Verdutzt schauen sich die Kämpfer an. Dann bricht Jubel aus.

Es ist Freitag, der 13. November 2015, morgens 10.30 Uhr. Am Abend dieses Tages wird der IS in Paris ein Blutbad anrichten, und die gute Nachricht geht beinahe unter: Sindschar ist befreit! Statt der schwarzen Flagge des "Islamischen Staates" wehen nun die Fähnchen der vielen kurdischen Milizen über den Ruinen; die gelbe Flagge der PDK, der Kurdenpartei. Die rot-grüne Flagge der Jesiden, mit dem Tempel von Lalisch. Das gelb-grüne Sternenbanner der PKK. Und überall die Flagge Kurdistans mit der aufgehenden Sonne.

Sindschar ist nur eine Kleinstadt im Nordirak, aber sie hat für die jesidische Minderheit die gleiche Bedeutung wie Kobane für die syrischen Kurden. Ein Symbol. Würde der IS hier siegen, könnte er die Kontrolle über große Teile der Kurdengebiete im Nordirak erlangen.

Noch vor wenigen Monaten schien es unmöglich, dass die Extremisten kampflos aufgeben. Juni 2015: Ein paar Hundert PKK-Kämpfer stehen einer Übermacht von Islamisten gegenüber. Häuserkampf, dreckig und gnadenlos. Scharfschützen. Mörsergranaten.

Fünf junge Kurden liegen versteckt hinter einem Mauervorsprung. Zagros, Goran, Schuan, Kamal und Agir warten einen ganzen Vormittag lang reglos unter sengender Sonne. So lange, bis sie in einem der Schützengräben etwa achtzig Meter vor ihnen eine Bewegung erahnen. Nur ein Haarschopf, der in einer Häuserruine verschwindet. Doch Zagros ist sicher, dort versteckt sich der Feind. Er geht aus der Deckung, steht breitbeinig, stützt die Panzerfaust auf seine Schulter und zieht den Auslöser. Als die Granate ihr Ziel trifft und Rauch über der Ruine aufsteigt, klatschen sich die Kämpfer der PKK ab. High five. Umarmungen.