Und dann sind da noch die kämpfenden Frauen. In den zerstörten Häusern liegen kurdische Scharfschützinnen hinter Sandsäcken, starren tagelang durch die Zielfernrohre ihrer Gewehre, bis sie einen IS-Kämpfer im Fadenkreuz sehen. Gelingt ihnen ein tödlicher Schuss, rufen sie der Gegenseite auf Arabisch zu, dass der Tote das Paradies abschreiben könne, weil die Kugel von einer Frau abgefeuert wurde. Dann lachen sie über den Aberglauben ihrer Gegner, schneiden eine Kerbe in den Kolben ihres Gewehrs und schieben eine neue Patrone in den Lauf. Manche von ihnen sind selber Muslime. Sie sagen: "Daaisch ist ein Geschwür, das man beseitigen muss. Es bedroht die ganze Menschheit und alle Religionen, nicht nur Kurden und Schiiten. Diese perverse Ideologie hat nichts mit unserem Islam zu tun."

Die Nacht legt sich wie ein schwarzes Laken über Sindschar. Agir sitzt jetzt in einer anderen Ruine, in der seine Einheit Quartier bezogen hat, die Fenster sind mit Decken und Tüchern verhangen. Einige Männer lesen im Lichtkegel ihrer Stirnlampen tatsächlich die Schriften von Abdullah Öcalan, dem in der Türkei inhaftierten Führer der PKK. Andere rauchen schweigend, wieder andere spielen Backgammon oder starren ins Nichts. Moskitos saugen sich an ihrer Haut fest, Fliegen krabbeln in Ohren und Nasen. Manchmal rattern Maschinengewehre. Eine Granate trifft ein Nachbarhaus. Im Haus gegenüber, von einem Innenhof getrennt, schlafen die kurdischen Kämpferinnen.

Aus seiner Brusttasche fingert Agir ein laminiertes und gefaltetes Pappspiel mit zwei Würfeln heraus. Das Spiel heißt Leitern und Schlangen. Agir hat es von seinem Freund Adnan, einem jungen Scharfschützen, 22 Jahre alt. "Er ist tot", sagt Agir, lächelt und streicht dabei zärtlich über das Spielfeld. "Er hat sich für Kurdistan geopfert. Gibt es einen schöneren Tod?" Es klingt tatsächlich fast neidisch. Adnan war der 59. Gefallene der PKK in Sindschar. Allerdings: Seine Leiche baumelte tagelang an einem Strick von einem Laternenmast.

Später fliegt die US-Luftwaffe wieder Angriffe auf den IS. Die Kämpfer knipsen die Lampen aus und legen sich flach auf die Matratzen. Nur die Glut glimmender Zigaretten hängt wie ein Schwarm roter Irrlichter in der Dunkelheit. Stille. Dann ein Brummen, das schnell lauter wird. Minutenlang kreist der Kampfjet über den Ruinen. Plötzlich ein Zischen, als würde jemand die Luft zerteilen, dann ein ohrenbetäubender Knall. Die Detonation lässt die Wände wackeln. Schutt prasselt auf das Dach. Eine Wolke aus Staub schwappt durch die Fenster. Es riecht nach Kordit und verschmortem Plastik. Dann folgt die zweite Bombe, kurz darauf die dritte und vierte.

Am kommenden Vormittag hat Agir Küchendienst. Er sitzt im Schneidersitz auf dem Fußboden, vor sich ein Blech, summt kurdische Melodien, während er Hühner zerteilt, Kartoffeln schält, Tomaten schneidet, Reis kocht. Das Essen kaufen sie in einem Ort auf der anderen Seite des Berges. Als Agir das Blech in den Ofen schieben will, greift der IS seine Stellung an. Agir blickt irritiert auf das Mittagessen, schüttelt den Kopf, dann nimmt er sein Gewehr und rennt los. Kugeln zischen durch die Luft. Agir steht hinter Sandsäcken, eine Kippe baumelt im Mundwinkel, er feuert auf den unsichtbaren Gegner, der sich auf der anderen Straßenseite verschanzt. Nach 40 Minuten ist das Gefecht zu Ende, und Agir schlurft zurück in die Küche.

Wird er lebend hier rauskommen? Zwei Tage später fährt ein Jeep aus der Stadt Sindschar hinaus auf den gleichnamigen Berg. Entlang der Serpentinenstraße liegen ausgebrannte Fahrzeugwracks und Kleidungsstücke Ermordeter. Ein jesidischer Kämpfer auf Fronturlaub will zu seiner Verlobten in eines der elenden Zeltlager im Sindschar-Gebirge, wo Tausende noch immer als Flüchtlinge im eigenen Land hausen. Er sagt: "Die PKK hat uns Jesiden gerettet. Deshalb bin ich an ihrer Seite. Ich vertraue ihnen." Die jesidischen Volksverteidigungseinheiten (YBS) sind treue Unterstützer der Kurden. Sie wollen Rache nehmen an den Dschihadisten, die ihre Dörfer niederbrannten, ihre Väter erschossen, ihre Mütter vergewaltigten, ihre Schwestern entführten. Wird ihr Zorn reichen für einen Sieg?

Fünf Monate später ist es endlich so weit: Sindschar befreit, aber in Trümmern. Agir lebt noch und kämpft in einer der PKK-Einheiten, die Sindschar vom Westen her angreifen. Kassim Chalaf, der jesidische Freiwillige, steht neben dem Leichnam eines IS-Kämpfers, der bei einem Luftangriff umkam, und feuert Freudenschüsse in die Luft: "Hol hola Taus-i Melek!" Dann bindet er die Flagge der jesidischen Volksverteidigungseinheiten an einen Laternenpfahl. Kassim sagt, er sei ein bisschen traurig, dass er keinen Feind töten konnte. Ein gefangener IS-Kämpfer sitzt auf der Ladefläche eines Lastwagens neben dem Leichnam eines PKK-Kämpfers. Der Gefangene sieht ängstlich aus. Bevor die Dschihadisten abzogen, zerstörten sie so viele Häuser, wie sie konnten, und töteten viele Gefangene, darunter auch Kinder. Jetzt stürmen die Befreier der Stadt die Geschäfte von IS-Unterstützern.

Einen Tag nach der Befreiung werden sie drei Massengräber finden, darunter eines mit den Überresten von siebzig älteren Frauen. Noch weiß niemand zu sagen, wie viele Jesiden tot sind. Der Verwesungsgeruch wölbt sich wie eine stinkende Glocke über den Ruinen.