Am Anfang sitzt Penthesilea, die Brüste glänzend, wie lackiert vom Blut des Achill, auf dem höchsten Punkt der Bühne, und in ihrem Schoß liegt der Tote, den sie liebt. Sie hat sich an seinem Blut gelabt, nun ruht sie. Was im Stück am Ende stattfindet (oder vielmehr, wie das meiste im Stück, von Zeugen geschildert wird), setzt der Regisseur Michael Thalheimer an den Beginn. 100 Minuten später lässt er den Abend mit demselben Bild enden. Der Kampf der beiden Liebenden – das Ende des Mannes, der einsame Triumph der Amazone – ist hier kein unwiederholbares Geschehen, sondern ein Kreislauf: Offenkundig sind Penthesilea und Achill in einem Fluch gefangen, so wie es in einer anderen unvergesslichen Geschichte dem Prometheus und dem Adler Ethon und in wieder einer anderen dem Sisyphos und seinem namenlosen Felsen geschieht.

Kleists Trauerspiel Penthesilea spielt im Zentrum einer Schlacht und erforscht doch die Liebe, die noch im totalen Hass gedeiht. Griechen und Trojaner schlagen seit langer Zeit aufeinander ein. Und nun fällt über beide Männerheere eine dritte Kraft her, das Heer der Amazonen.

Die Amazonen sind ein Volk gedemütigter und missbrauchter Frauen, eine Truppe, die im Gegenschlag lebt, in der Ausgelassenheit der Rache. Die Amazonen brauchen keine Männer, sie brauchen bloß Samenspender, die sie nach vollzogenem Akt massakrieren. Sie wählen sich ihre Männer nicht, denn die Wahl wäre schon ein Zeichen von Achtung, nein, sie kaschen sie achtlos aus der Masse. Der Amazonenkönigin Penthesilea unterläuft während eines solchen Angriffes etwas Verhängnisvolles: Sie begehrt einen bestimmten Mann. Sie entdeckt im Gewimmel des feindlichen Genmaterials den Griechenprinz Achilles.

Achilles und Penthesilea verfallen einander. Ihre Liebe ist eine Orgie zum Tode. Intimität und Glück finden sie nur im Kampf, im Ritual. Achilles besiegt Penthesilea in einem ersten Gefecht und will sich aus Liebe in einem zweiten Gefecht von ihr besiegen lassen.

Jedoch, die Amazone versteht die Geste des Achilles als Affront und zerfetzt ihn im Blutrausch. Penthesileas Gefährtin Meroe, die fassungslose Zeugin, beschreibt die Tat:

Sie schlägt, die Rüstung ihm vom Leibe reissend,

Den Zahn schlägt sie in seine weiße Brust,

Sie und die Hunde, die wetteifernden,

Oxus und Sphynx den Zahn in seine rechte,

In seine linke sie; als ich erschien,

Troff Blut von Mund und Händen ihr herab.

Als Penthesilea erwacht, weiß sie von nichts. Man sagt ihr, dass sie die Mörderin ihres Liebsten sei. Da tötet sie sich selbst, mit der Kraft des Willens: Sie formt in ihrer Brust aus Jammer und Reue einen Dolch – und ersticht sich: "Denn jetzt steig’ ich in meinen Busen nieder, / Gleich einem Schacht, und grabe, kalt wie Erz, / Mir ein vernichtendes Gefühl hervor."

Der Regisseur Michael Thalheimer tut nun alles, um das Geschehen ganz auf seine Hauptfiguren zuzuspitzen, auf das Vernichtungsglück des Liebespaares Penthesilea und Achill. Und er setzt die beiden Liebenden in einen ausweglosen Kreis der Wiederholung: Penthesilea wird ihren Liebsten immer neu erkennen und zerfetzen.

Was will Thalheimer sagen? Dass wir, die wir heute in Liebesbeziehungen stecken, den Verschlingungskreislauf der Penthesilea und des Achill mit unseren bescheidenen Mitteln für alle Zeiten nachspielen? Dass jedes Paar, das sich nachts umarmt, den Funken des allerältesten Krieges am Leben erhält? Dass man einander immerzu "auffrisst"?