Der ukrainische Bankmanager Jurij Irklijenko war ratlos: Mehr als 40 Millionen Dollar waren plötzlich von dem Konto, das die Kiewer Terra Bank bei der Wiener Meinl Bank eröffnet hatte, verschwunden. Der erfahrene Finanzfachmann hatte keine Ahnung, was schiefgelaufen war. Erst wenige Tage zuvor hatte er als Zwangsverwalter die Kontrolle über die Terra Bank übernommen, die von der Nationalbank der Ukraine für zahlungsunfähig erklärt worden war. Er war fest davon ausgegangen, dass das Millionenguthaben in Österreich für die Auszahlung von Sparguthaben verwendet werden könnte.

Doch am 5. September 2014 war alles anders: Meinl verkündete in einer elektronischen Nachricht die Abbuchung der Summe und teilte auf Anfrage von Irklijenko mit, dass die Transaktion auf Basis eines Vertrages zwischen Meinl und Terra aus dem Jahr 2011 passiert sei. Viel mehr wollten die Wiener nicht verraten – alle diesbezüglichen Dokumente, so hieß es in einer weiteren Depesche, würden sich bei den ehemaligen Verantwortlichen der Terra Bank befinden. Diese waren für Irklijenko jedoch nicht greifbar, und aus der Kiewer Bank selbst waren alle Unterlagen verschwunden.

"Ohne dass es Dokumente geben würde, die dafür als Grundlage dienen könnten, haben unbekannte Täter 40.393.884,53 Dollar ohne Zahlungszweck vom Konto der Terra Bank bei der Meinl Bank in Österreich abgebucht", schrieb Irklijenko im Juni 2015 in seiner Anzeige gegen "ehemalige Funktionsträger der Bank" an das ukrainische Innenministerium, die der ZEIT vorliegt.

Seit dem Jahr 2011 wurden Hunderte Millionen Euro von späteren Pleitebanken aus der Ukraine ins Ausland transferiert. Wer dem Geld folgt, landet bei Briefkastenfirmen, über die so gut wie nichts bekannt ist. Dort verliert sich die Spur.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 50 vom 10.12.2015.

Die Kapitaltransfers in Steuerparadiese wurden mithilfe von lediglich vier europäischen Banken in Liechtenstein, Luxemburg und Österreich abgewickelt; Marktführer dabei ist die österreichische Meinl Bank AG. Bei den nunmehr unter Zwangsverwaltungen stehenden oder bereits liquidierten Instituten Tawrika Bank, Piwdenkombank, AKB Bank, Terra Bank, Miskyj Komerzijnyj Bank, Delta Bank, VAB Bank und Kyjiwska Rus gab es Geschäftsverbindungen zu dem Institut am Bauernmarkt in der Wiener Innenstadt. Konfrontiert mit diesen ukrainischen Fällen, erklärt es, aus prinzipiellen und rechtlichen Gründen keine konkreten Geschäftsbeziehungen kommentieren zu wollen.

Die Transaktionen fanden in der Ära des Präsidenten Viktor Janukowitsch statt, der von 2010 bis 2014 in Kiew regierte. Zahlreiche ukrainische Banken haben damals, so erklärte Irklijenko gegenüber der ukrainischen Zeitung Fakty, "Vorgaben des staatlichen Bankenregulators sowie die Gesetze des Marktes einfach ignoriert".

Bekannt wurden viele Sünden der Vergangenheit erst nach dem Machtwechsel in der Ukraine. Eine krisenbedingte Welle an Bankenpleiten machte die Behörden auf vordergründig durchaus legale Treuhandkredite aufmerksam: Ukrainische Banken überwiesen hohe Beträge auf Konten, die sie in westeuropäische Banken eröffnet hatten. Oftmals nur kurze Zeit nach dieser Kontoeröffnung vergab die westeuropäische Bank einen Millionenkredit an eine Briefkastenfirma. Als Sicherstellung diente das Guthaben der jeweiligen ukrainischen Bank. Die Briefkastenfirmen, die sich in Zypern, Belize oder auf den Britischen Jungferninseln befanden, zahlten den Kredit nicht zurück. Die westeuropäische Bank räumte schließlich das als Sicherstellung dienende Konto der Ukrainer leer – und verdiente vor allem mit der Abwicklung des Geschäfts.