Read the English version of this article here

Will ein Deutscher, der vor 1928 geboren ist, nach Israel fahren, so braucht er ein Visum. Der Sinn der Regelung ist klar: Wer zu NS-Zeiten im schuldfähigen Alter war, der soll nicht einfach so einreisen dürfen in den Staat der Juden. Heute leben in Deutschland noch gerade mal anderthalb Millionen Menschen im jenem historisch schuldfähigen Alter – weniger als zwei Prozent. Die Mehrheit der Deutschen trägt nicht nur selbst keine persönliche Schuld, auch ihre Eltern tun das nicht, nicht mal mehr die meisten Großeltern.

Man sollte das wissen, denn zurzeit wird in der internationalen Öffentlichkeit so getan, als wäre die deutsche Flüchtlingspolitik von einem schweren Schuldkomplex bestimmt. Mal wird gelobt, die Deutschen würden aus ihrem allgegenwärtigen Schuldbewusstsein heraus eine vorbildliche Willkommenskultur entwickeln (Washington Post), mal getadelt, ihre Geschichte treibe sie zu einem irrationalen Gutmenschentum, das ganz Europa in Gefahr bringt (The Guardian).

Den Vogel abgeschossen hat bei dieser die Deutschen paternalisierenden und pathologisierenden Denkart der französische Philosoph Alain Finkielkraut im Interview mit der ZEIT: "Als die ersten Flüchtlingswellen ankamen, hielten die Deutschen den Moment für gekommen, ihren historischen Makel zu bereinigen. Sie konnten sich endlich freikaufen." Diese Formulierung ist deswegen so hilfreich, weil an ihr jede Silbe falsch ist.

Zunächst rein sachlich. Als die ersten Flüchtlingswellen kamen und die deutsche Politik, auch die Kanzlerin, noch lange nicht aufgewacht war, da taten Abertausende Deutsche etwas ganz Schlichtes: Sie gaben den Menschen, die da plötzlich in ihren Vorgärten standen, Wasser und Wurstsemmeln (ohne Schwein). Dass die da bei sich einen historischen Makel verspürt haben sollen und nicht einfach nur einen menschlichen Impuls, ist reine Fantasie.

Und auch als diese von unten wachsende Willkommenskultur durch die Kanzlerin offizielle Politik wurde, hat Angela Merkel gewiss an vieles gedacht – vor allem an verdurstende Flüchtlinge –, nur nicht an Auschwitz.

Schließlich das mit dem Freikaufen von einem Makel. Diejenigen unter den Deutschen (hoffentlich eine Mehrheit), die sich in der historischen Verantwortung für den Holocaust sehen, wissen zugleich (man lernt das in den Schulen und Universitäten, kann aber auch durch einfaches Nachdenken darauf kommen), dass derjenige sofort in der Wiederholungsfalle steckt, der anfängt zu denken, man könne unter Krieg und Holocaust einen Schlussstrich ziehen. Ein Deutscher, der glaubt, sich von der Geschichte freikaufen zu können, hat sie nicht begriffen. Wer sie wiederum nicht begriffen hat, dem ist sie auch kein Seelenstachel, folglich muss er sich nicht von ihr freikaufen.

Das historisch-pathologische Argument hat ohnehin den Nachteil, dass es mal so und mal so verwendet wird, je nach Gusto. Wenige Wochen etwa bevor die Deutschen im Schuldwahn die Tore für die Syrer geöffnet haben, überzogen sie Europa bekanntlich mit einer Art Austeritätsfaschismus, wobei es ihnen rätselhaft gleichgültig zu sein schien, dass sie wieder als böse Deutsche galten. Das taten sie, so hieß es, weil ihnen das zu Hitler führende Inflationstrauma noch in den Knochen steckt, schlappe hundert Jahre später.

Geht’s noch, liebe britische und französische Freunde?! Wir mögen ja ein bisschen seltsam sein, verrückt sind wir nicht. Wir haben uns mit unserer Geschichte recht intensiv beschäftigt, sie ist keine in unserem Unterbewusstsein wütende Macht mehr, sondern Gegenstand von jahrzehntelanger Reflexion, von Streit, neuer Reflexion, Erkenntnis und wieder Streit.

Es mag von außerhalb nicht gut zu sehen sein, ist aber doch ganz leicht zu verstehen: Die Deutschen haben mit allen indirekten Lehren aus der eigenen Geschichte verdammt gute Erfahrungen – in der Gegenwart! – gemacht: Das Antiautoritäre hat unsere Schulen verbessert; der ökologische Gedanke wurde zum Wettbewerbsvorteil, die relative Sparsamkeit ebenfalls. Der Föderalismus hat uns zu leidlich begabten Europäern werden lassen. Und in den letzten Jahren haben die Deutschen auch noch ihre Fähigkeit zur Fremdheit entdeckt und für nützlich befunden. Darum halten sie es für möglich, dass sich auch die Willkommenskultur irgendwann als Zukunftsinvestition erweisen könnte.

Ja, so einfach ist das.