Ich plane. Für das nächste Jahr. Für das Jahr nach dem nächsten Jahr. Ich plane mit Textmarkern auf Kalenderblättern. Verschiedene Farben für Projekte, Bücher, Urlaub. Der Mensch, der mir viel bedeutet, tritt ins Zimmer. "Was machst du da?" – "Ich plane unser Leben." – Sie greift nach den Blättern, schaut darauf. "Wieso machst du das?" – "Weil dieses Leben sonst so unübersichtlich ist."

Unter meinen Freunden war ich schon immer der Durchgeplanteste. Der Verplanteste war Florian. Wir lernten uns im ersten Semester kennen. "Ich will einen Roman schreiben", sagte Florian. "Ich will Journalist werden", sagte ich. Unsere Universität war groß, die Hörsäle waren voll, die Studenten viele. Es war beeindruckend. Die Studienbedingungen waren das Gegenteil.

Ich brach das Studium ab, wechselte auf die Journalistenschule, machte einen Bachelor im Ausland, machte einen Master im Inland. Dann begann ich für eine Zeitung zu schreiben. Florian studierte mehrere Fächer an mehreren Universitäten in mehreren Ländern ohne einen Abschluss. Dann schrieb er mir eine Mail. Der Betreff lautete: "Ich plane :-)." Im Anhang war das Manuskript seines Romans: Struktur, Protagonisten, Deadlines. Ich schrieb ihm, dass ich mich freue. Er antwortete einige Wochen später. Ein Arzt hatte bei seiner Mutter Krebs festgestellt. Florian übernahm die Pflege. Der Betreff der Mail lautete "Planänderung".

Noch nie wurde ein Leben vor meinen Augen durch eine Krankheit so über den Haufen geworfen. Das hatte bisher nur ein Algorithmus fertiggebracht. Von einer Online-Dating-Plattform. Der Algorithmus hatte einer Freundin als Partner einen Mann aus Patagonien vorgeschlagen. Die Freundin war Unternehmensberaterin in Düsseldorf. "Wir fanden das beide so lustig, dass wir gleich geskypt haben", sagte sie das erste Mal, als sie von dem Mann erzählte. "Willst du uns in Patagonien besuchen?", sagte sie das letzte Mal, als sie von dem Mann erzählte.

Der Mensch, der mir viel bedeutet, legt die Kalenderblätter zurück auf den Schreibtisch. Ich schaue auf die Blätter und sehe viele Farben. Sie hat einen Regenbogen gemalt. Ich frage: "Was machst du da?" – "Ich plane unser Leben."