Im November 2015 reisen die Staats- und Regierungschefs zum EU-Afrika-Gipfel nach Malta. Sie wollen mit ihren afrikanischen Kollegen darüber sprechen, warum so viele Menschen nach Europa fliehen und wie sich das ändern ließe.

Die Sonne ist gerade untergegangen, als sich die Gipfelteilnehmer vor dem Amtssitz des maltesischen Ministerpräsidenten versammeln. Aus mehr als 60 Ländern sind sie angereist, aus Spanien und aus dem Senegal, aus Bulgarien und Burkina Faso. Dicht gedrängt stehen sie auf der Treppe des barocken Palastes. Sie blicken zu Boden, als eine Stimme aus Lautsprechern an jene Menschen erinnert, "die bei dem Streben nach einem besseren Leben zu Tode gekommen sind". Projektoren werfen Bilder von Flüchtlingen an eine Wand: Menschen auf einem wackligen Schiff, die ihre Hände nach Hilfe ausstrecken; eine Frau, die mit beiden Armen ein Kind umklammert. Viele Afrikaner sterben auf der Flucht über das Mittelmeer. Allein in diesem Jahr sollen es 3.500 gewesen sein, schätzt das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen. Dieser Gipfel soll das ändern.

Auch Kojo Ebenekus Präsident ist angereist: John Mahama, Staatsoberhaupt der Republik Ghana. Bei den Beratungen sitzt er neben Angela Merkel. Zwei Tage lang diskutierten die Teilnehmer. Zum Abschluss des Gipfels verpflichten sie sich, die Armut in Afrika zu bekämpfen und die wirtschaftliche Entwicklung zu fördern. Die EU verspricht, ihre Entwicklungshilfe um 1,8 Milliarden Euro aufzustocken, um in Afrika Schulen zu bauen, Bauern zu unterstützen, Perspektiven zu schaffen. In der Abschlusserklärung des Gipfeltreffens heißt es: "Unser vorrangiges Ziel muss es sein, die Hoffnung wieder aufleben zu lassen, vor allem für die afrikanische Jugend."

Für Kojo Ebeneku ist die EU kein Helfer. Sie ist ein mächtiger Konkurrent

Der Ackerbauer Kojo Ebeneku hat fünf Kinder. Sein jüngster Sohn, zwei Jahre alt, sitzt neben ihm im Gras und saugt an einer Tomate. Glaubt man den Politikern, die sich im November auf Malta trafen, dann soll es der Junge einmal besser haben als sein Vater. Er soll eine Schule besuchen und eine Ausbildung machen. Er soll in einem Land groß werden, das ihm Chancen bietet.

Eigentlich müsste Kojo Ebeneku ihm das längst ermöglichen können, sein Produkt ist gefragt wie nie. Es gibt wenige Länder, in denen die Menschen so viele Tomaten essen wie in Ghana, kaum ein Gericht kommt ohne aus: die roten Suppen nicht, und auch nicht die scharfen Pasten und der Jollof-Rice, das Nationalgericht, eine Art ghanaische Paella. Laut der Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) ist der Tomatenkonsum in den vergangenen Jahren sogar noch gestiegen – und viele Bauern sind produktiver als früher. Auch Kojo Ebeneku. Er verstreut jetzt guten Dünger und pflügt sein Feld nicht mehr von Hand, sondern mit einem Traktor.

Nur die Preise für Tomaten wollen nicht steigen, in manchen Jahren sind sie sogar gefallen. Die Bauern im trockenen Norden spüren das noch deutlicher, sie machen seit Jahren Verluste. Einige sollen Pflanzenschutzmittel getrunken haben, um sich umzubringen.

Den Grund dafür sieht man auf den Märkten und Straßenständen, zwischen Kokosnüssen und Wassermelonen, zwischen halbierten Ziegen und zerlegten Schweinen: mannshohe Pyramiden aus Konservendosen mit knallroten Etiketten. Sie heißen "Tasty Tom" oder "Gino", es gibt sie im Zwei-Kilo-Pack und in winzigen Döschen zu 70 Gramm. All diese Dosen enthalten Tomaten, gewürfelt, passiert oder zu Mark konzentriert. Auf der Rückseite der Etiketten steht: Product of China. Product of South Africa. Und: Product of Italy.

Die EU schickt also nicht nur Entwicklungshilfe nach Afrika, sie schickt auch Tomaten. Tonnenweise verschiffen europäische Lebensmittelkonzerne ihre Güter in die afrikanischen Hafenstädte: Tomatenmark aus Italien, Milchpulver aus Dänemark, Tiefkühlhühnchen aus Deutschland. Afrika ist für sie ein wichtiger Absatzmarkt. Dort bieten sie ihre Waren so billig an, dass viele einheimische Produzenten aufgeben. Die Geflügelwirtschaft in Ghana liegt brach, weil sie mit den Preisen der europäischen Hühnerflügel nicht mithalten kann. Die westafrikanischen Milchbauern kämpfen ums Überleben, und viele Tomatenbauern werden ihre Ernte kaum los. Laut den Daten der FAO und des ghanaischen Landwirtschaftsministeriums ist der Marktanteil der heimischen Tomaten in den letzten Jahren stetig gesunken. Gleichzeitig stiegen die Importe von ausländischem Tomatenmark. Im Zeitraum von 1998 bis 2013 um das 34-Fache.

Für Kojo Ebeneku ist die EU kein Helfer. Sie ist ein mächtiger Konkurrent. In vielen Staaten Afrikas erschweren Importe die wirtschaftliche Entwicklung. Wo der Kontinent die Möglichkeit hätte, seine Rohstoffe selbst zu veredeln und an deren Wertschöpfung teilzuhaben, wird er von ausländischen Gütern überschwemmt. Dabei wäre es gar nicht so abwegig, in Ghana Tomatenmark herzustellen. Den Versuch gab es schon mal. In einem Dorf namens Pwalugu.

Pwalugu liegt im Norden Ghanas, an der Fernstraße N10, ein Dorf mit Schuppen aus Wellblech und Hütten aus Lehm. Ziegen äsen am Straßenrand, Perlhühner picken im Staub. Hier steht ein rostiges Schild am Straßenrand: Northern Star Tomato Factory.