Es gibt Experten, die glauben nicht, dass diese Rechnung so einfach aufgeht. Mirjam van Reisen, Professorin für Internationale Politik in den Niederlanden, hat die WPA-Verhandlungen als unabhängige Beraterin begleitet. Grundsätzlich hält sie die Idee, Entwicklung durch Handel zu fördern, für richtig. "Die Absichten der EU-Kommission waren nicht vollständig falsch", sagt sie. "Aber es ist unrealistisch, auf Augenhöhe zu verhandeln, wenn die Partner so ungleich sind."

Der ghanaische Ökonom Kwabena Otoo sagt: "Wir können mit den subventionierten Produkten aus Europa nicht mithalten. Freihandel zwischen Europa und Afrika, das ist wie ein Fußballspiel zwischen Real Madrid und der Schulmannschaft von Boli Bamboi." Ein Spiel, bei dem die überlegene Mannschaft auch noch gedopt ist: mit Subventionen aus Brüssel.

In den Tomatenfeldern Apuliens liegt das "ghetto ghanese", das Ghetto der Ghanaer

Es gibt noch einen weiteren Vorteil aufseiten der Europäer, über den kaum gesprochen wird und von dem auch der Ackerbauer Kojo Ebeneku nichts weiß: Obwohl das Lohnniveau in Europa im weltweiten Vergleich sehr hoch liegt, verfügen die Tomatenbauern in Italien über ein schier unerschöpfliches Reservoir an billigen Arbeitskräften: Flüchtlinge.

Will man sie besuchen, muss man zurück nach Italien fahren, nach Apulien, ins Land des roten Goldes. Nicht weit von der Tomatenfabrik in Foggia entfernt, westlich der Stadt Cerignola, zwischen Tomatenfeldern und Olivenplantagen, liegt eine zerfallene Siedlung. Die Leute in der Gegend nennen sie ghetto ghanese – das ghanaische Ghetto. Hier hausen in zerfallenen Hütten etwa 150 Menschen. Zur Erntesaison im Sommer schwillt das Camp auf bis zu 800 Menschen an. Viele von ihnen sind Bauern, die vor dem Preisdruck nach Europa geflohen sind. Kojo Ebenekus Landsleute.

Die Männer aus dem ghetto ghanese sind Teil einer riesigen Erntekolonne, die Europas Lebensmittelkonzerne mit Gemüse und Obst versorgt. Mehrere Hunderttausend ausländische Erntehelfer arbeiten in Süditalien, 60.000 bis 80.000 von ihnen unter Bedingungen, die italienische Gewerkschafter als "moderne Form der Sklaverei" bezeichnen. Die meisten stammen aus Osteuropa und Afrika. Bei Anbruch der Dämmerung schwärmen sie aus auf die Felder, nach Sonnenuntergang kehren sie zurück. Sie werden nicht nach Stunden, sondern nach Stiegen bezahlt. An einem guten Tag verdienen sie nicht einmal 50 Euro, für mehr als 12 Stunden Arbeit. An einem schlechten Tag verdienen sie nichts.

Struppige Hunde streunen zwischen den Hütten umher, über einem Maschendrahtzaun hängen Kleider zum Trocknen: ausgewaschene T-Shirts, ein orangefarbener Overall. Vier Männer sitzen auf einer Holzbank und trinken Dosenbier. Sie alle kommen aus Ghana, sie alle waren dort Bauern. Mais haben sie geerntet, Kochbananen, Melonen – und Tomaten. Hier, mehr als 7.000 Kilometer von ihrer Heimat entfernt, tun sie genau dasselbe wie früher: Tomaten pflücken zu einem Lohn, von dem sie kaum leben können. Zu viert teilen sich die Männer ein Zimmer, 15 Quadratmeter, zwei Sofas, ein Fernseher. An der Wand hängt ein gerahmtes Bild, eine Frau mit Kalebasse auf dem Kopf. "Greetings from Ghana" steht darauf – schöne Grüße aus Ghana.

Mehr als zehn Jahre haben die Europäische Union und die afrikanischen Staaten über die neuen Handelsabkommen beraten. Die Europäer haben den Afrikanern ein paar Zugeständnisse gemacht: Es soll Übergangsfristen beim Abbau der Zölle geben, außerdem dürfen die afrikanischen Staaten einige ihrer Produkte weiterhin schützen. Tomatenmark zum Beispiel: Nachdem der Zoll gesenkt wurde, soll er nun zumindest nicht noch weiter fallen.

Für Kojo Ebeneku ist das ein schwacher Trost. Er hat das Spiel gegen die Konkurrenz aus Europa schon heute fast verloren. Während in den Schuppen der europäischen Bauern ganze Flotten von Landmaschinen stehen, reicht sein Geld gerade, um dreimal im Jahr einen Traktor zu mieten. Während die Europäer ihre Felder mit riesigen Sprenkelanlagen bewässern, wartet Kojo Ebeneku auf die Regenzeit. Und während die europäischen Bauern Flüchtlinge zur Ernte schicken, steht Kojo Ebeneku selbst auf dem Feld und pflückt. Tomate für Tomate. Tag für Tag.