Amazon hat sich Sorgen um mich gemacht. Ernsthafte Sorgen, denn es empfahl mir Ratgeber wie Therapeutische Interventionen bei Tötungsabsichten oder Ratgeber Depression: Hilfe für den Alltag. Dabei ging es mir wie immer, also ganz gut. Allerdings hatte ich auf der Seite unlängst zwei Bücher des rumänischen Philosophen Emil Cioran gekauft: Auf den Gipfeln der Verzweiflung und Vom Nachteil, geboren zu sein. Schon rührend, auf welche Gedanken Amazon da kommt.

Mehr als vier Millionen Bestellungen gehen bei dem gigantomanischen Riesenkaufhaus an seinen erfolgreichsten Tagen in Deutschland ein. Wie Weihnachtsmänner der Postmoderne eilen Paketboten durch Stadt und Land, die Ladefläche voller Päckchen mit Amazon-Stempel. Auch wenn es bei mir leicht danebenlag: Das Versandhaus scheint besser über die Wünsche der Deutschen Bescheid zu wissen als das Christkind. Sie lassen sich von den Listen ablesen, die Amazon mit seinen stündlich aktualisierten Rankings anlegt und auf seinen Seiten präsentiert. Bestsellerlisten, angeordnet wie Musikcharts oder Buchhitparaden, nur zusätzlich in Rubriken wie "Baumarkt", "Beauty" oder "Haustier" unterteilt.

Wo massenhaft gekauft wird, spiegelt sich der Geschmack der Massen. Wie wollen wir wohnen? Was kochen wir zum Abendessen? Und was treiben wir im Badezimmer?

An einem Tag Mitte Dezember schlendere ich als Hobbysoziologe vom digitalen Plattenladen in den Onlinebaumarkt, vorbei am Zubehörhandel für Kfz-Teile und dem Laden für Camping- und Outdoor-Ausrüstung. Kurz noch durch die Parfümerie, das Bekleidungsgeschäft. Kunden erkunden. Ein Abstecher zum Haushaltswarenladen – und einer in den Sexshop. Alles da.

Die Musikcharts werden auch bei Amazon beherrscht von den üblichen Kandidatinnen Adele, Helene Fischer, Enya. Visuelle Unterhaltung soll möglichst begütigend sein (Unter "DVD" auf Platz 1: Honig im Kopf). Keine Kriegsfilme weit und breit, nicht einmal ein Krieg der Sterne.

Bei Kaufentscheidungen zu Hause vorm Computer werden wir von keiner Buchhändlerin schief angeschaut, von keinem Feuilleton beraten. Hier leben wir unsere Bedürfnisse hemmungslos aus. Belletristik wird angeblich nur von Frauen gekauft. Was Frauen wollen, wird aber nicht von Herta Müller oder Swetlana Alexijewitsch geschrieben. Die Urheberinnen der wahren Hits nennen sich Hanni Münzer, Cassie Love oder Jessica Winter.

Im milchigen Licht des Kindle werden in der U-Bahn Romane wie Ein Milliardär mit Herz, Bernsteintränen, Solange es Schmetterlinge gibt oder Solange du bleibst weggelesen. Was Frauen wollen, sind offenbar Sätze wie "Er konnte so viel Liebe in einen einzigen Blick legen, er ging mir durch und durch". Flauschiger Lesestoff, mit dem Innenwelten ausgepolstert und gegen die Außenwelt abgedichtet werden.

Ganz oben bei den Büchern steht Band zehn der Reihe Gregs Tagebuch – So ein Mist! Das Buch wird am häufigsten verschenkt und am zweithäufigsten gewünscht. Warum? Das ist das Reizvolle an einem Kaufhausrundgang entlang der Listen. Antworten murmeln die Kunden ständig vor sich hin, sie tragen ihre Urteile als Sprechblasen über den Köpfen, oder besser: hinterlassen sie in Rezensionen unter Artikeln.

"Mein Junge will keine Bücher lesen, außer Gregs Tagebuch", freut sich Mamalade. S.G. kann da nur beipflichten, "mein Sohn (13 Jahre) liest wieder!" Um Hanni Münzers Honigtot herrscht mit 1575 Rezensenten ein mörderisches Gedrängel. Bibliothekarin hat manche Passagen "mehrmals gelesen und dabei genickt".

Drüben vor dem Musikregal haben sich 341 Leute versammelt, und alle reden sie durcheinander. Es geht um Weihnachten, das neue Album von Helene Fischer. 241 dieser 341 Leute bewerten es mit sehr guten fünf Sternen. Schon von Weitem sehe ich sie rufen: "Daumen hoch!" und "Ein rundum stimmiges Projekt". Ein gewisser A. Rheindorf tritt ganz nah an mich heran und raunt kennerhaft: "Jeder Mensch, der lesen und klar denken kann, weiß, was er zu erwarten hat, wenn Helene Fischer gemeinsam mit dem Royal Philharmonic Orchestra ein Weihnachtsalbum aufnimmt."

Mich hat das zustimmende Gemurmel noch nicht überzeugt. Vielleicht kann ich aber auch schon nicht mehr klar denken, weil hinter jeder Ecke bereits das nächste Produkt wartet, immer begleitet von eifrigen Rezensenten wie ein Hai von Putzerfischchen. Was ist dort hinten wieder für ein Auflauf? Der neue Stephen King?

Nein, ich bin in den Baumarkt geraten. Hier tauschen sich die Massen über den Kärcher-Fensterreiniger WV 2 Plus (49 Euro) aus, Platz 1 in dieser Abteilung. 635 Tage in den Top 100. Ein Evergreen, das Atemlos unter den Haushaltsgeräten – dicht gefolgt von einer Funkschaltung für Lampen, durch einen grünen Pfeil mit der "Tendenz aufsteigend" markiert.

Möglich, dass sich unter die 1188 Fans des Fensterreinigers auch ein paar Kärcher-Vertreter gemischt haben, aber das Ding scheint echt "der Knaller" (Eva W.) zu sein – sofern man sich über die "Einarbeitunsgzeit" im Klaren ist. Was, wenn ein Hundehaar sich unter die Abziehlippe schummelt? Und kann ich damit auch mein Kind absaugen? Um besonders kenntnisreiche Rezensenten bilden sich Cluster aus Hilfesuchenden, denen dann auch geholfen wird. Wie in einer frühchristlichen Gemeinde herrscht die fiebrige Stimmung absoluter Begeisterung.