Männer unter Druck auf Dmax

Riesige fette Burschen beugen sich über riesige fettige Motoren. Sie wollen etwas Lautes, Starkes und Schmutziges bauen. Sie wollen die Motoren in speckige alte Mustangs oder Camaros einbauen oder sogar in einen Schwimmpanzer, den sie auf einem Schrottplatz gefunden und nach Bewältigung bizarrer Transportprobleme in ihre Werkstatt gebracht haben. Die Burschen haben Stress, sie brauchen Bier, sie müssen von ihren Freundinnen oder Ehefrauen rund um die Uhr mit Fast Food versorgt werden. Alles geht schief, die Kupplungsglocke ist zu groß, der Krümmer verrostet. Die Burschen müssen die Nacht zum Tage machen.

Denn zu allem Überfluss drängt die Zeit. Extremer Zeitdruck ist das dramaturgische Grundprinzip des sogenannten factual entertainment, das der Männersender Dmax bietet. Fast immer gibt es einen Auftraggeber, der auf peinliche Einhaltung des Liefertermins pocht, und wenn es ihn nicht gibt, dann gibt es eine grausame Konkurrenzsituation, in die der Moderator der Sendung die Burschen getrieben hat. Zwei Teams treten gegeneinander an: Wer baut den schnellsten Mustang, wer lackiert den schrillsten Camaro? Wer kennt sich mit russischen Schwimmpanzern aus und kann sie von tschechischen Schrottplätzen importieren? Ist die neue, scharfe Nockenwelle wirklich scharf genug, um das Letzte aus dem V-8-Big-Block herauszuholen?

Das ist die harte Männerwelt, die der Free-TV-Sender Dmax im deutschen Fernsehen entfaltet. Die meisten Formate stammen aus Amerika, sie werden mit den gleichen atemlosen Stimmen schludrig synchronisiert wie Dauerwerbesendungen, das heißt: eigentlich nur nachgesprochen. Auch das macht Stress beziehungsweise überträgt den Stress der riesigen fetten Burschen mit ihren riesigen ölverschmierten Händen ganz unmittelbar auf den Zuschauer.

Dmax ist mein Lieblingssender. Auf Dmax kommt das Fernsehen ganz zu sich selbst, das heißt, es vergisst jeden moralischen, ökologischen, politischen Anspruch. Auf Dmax wird alles gezeigt, was bei uns, wenn es nicht schon verboten ist, gewiss bald verboten wird. Die dumpfen Kerle (in Wahrheit sind sie natürlich zart und voller Furcht vor Freundinnen, Ehefrauen und rissigen Ansaugkrümmern) folgen einem unerbittlichen inneren Gesetz, das sonst nur Künstler kennen. Sie müssen tun, was sie tun. Und wenn sie nicht an Autos schrauben, dann fällen sie Bäume in Alaska oder fangen Fische in arktischer Nacht, Unsägliches leidend an vereisten Tauen. Grausame Arbeit, unbarmherzige Natur, größter Leistungsdruck – Dmax führt das Material an seine Belastungsgrenze, vor allem das menschliche.

Und nicht alles ist importiert, es gibt auch Eigenproduktionen über deutsche Schrauber, die dem langweiligsten VW das abgefahrenste Proletentuning verpassen müssen. Dazu bizarre Autotests, etwa jener, in dem eine echte Rennfahrerin auf einem echten Rennkurs normale Serienfahrzeuge folterte. Ein Hauch von SM, etwas erotisch Fragwürdiges gehört zu Dmax, Männer sind hier keine Täter, sondern Masochisten.

Die tollste Sendung ist dann aber doch wieder ein Import. Es ist die Autotest- und Talkshow Top Gear, die von der BBC stammt und zum Abgründigsten gehört, was der britische Humor so nebenbei stemmt. Top Gear ist eine Klasse für sich, halb Testmagazin, halb Parodie eines Testmagazins. Es steckt voller Running Gags, zu denen etwa die rituelle Zerstörung eines englischen Mittelklassewagens der siebziger Jahre, des Morris Marina, durch vom Himmel fallende Klaviere gehört. Ersatzweise werden auch andere Autos durch herabfallende Morris Marinas zerstört. Top Gear ist der ganz große böse Spaß, ich werde darauf zurückkommen, falls man es mir erlaubt, was ich bezweifle.

Jens Jessen mag auch Vorderlader, Tontauben und Kampfhunde