Wenn Männer mit ihren Heizungspumpen so angäben wie mit ihren Autos, dann hätten wir den Klimawandel schon fast gebremst. Ja, Sie haben richtig gelesen. Genau darum geht es: Wollen wir die Erwärmung der Erdatmosphäre verhindern und die Beschlüsse der Klimakonferenz umsetzen, müssen wir über veraltete Pumpen, neue Autos und das Verhalten der Männer reden (und, ja, auch über das der Frauen).

Noch wollen es nur wenige wahrhaben, noch überwiegt die Begeisterung, dass in Paris nach einem rührenden Finale alle Regierungen beschlossen, den Klimawandel gemeinsam zu bekämpfen. Doch an Ort und Stelle hat Umweltministerin Barbara Hendricks auch ein Versprechen abgegeben: Sie hat der Welt im Namen aller Deutschen zugesagt, die Treibhausgas-Emissionen bis 2050 um 80 bis 95 Prozent zu senken.

Diese Worte wiegen schwer. Erstens, weil auch andere Länder viel versprochen haben. Wir werden also nicht mehr automatisch – auch wenn wir nur die Hälfte liefern – zu den Guten, den Klima-Pionieren, gehören. Und zweitens, weil das Ziel selbst ungeheuer ambitioniert ist. Um es zu erreichen, braucht Deutschland nicht weniger als eine zweite Energiewende. Eine, bei der nicht nur Wirtschaft und Politik mitziehen, sondern auch Bürger und Verbraucher.

Um den Klimawandel zu stoppen, müssen die Bürger in den kommenden Jahrzehnten den Verbrauch von Kohle und Öl enorm drosseln. Also braucht Deutschland einen Plan für den Ausstieg aus der Kohle. Wie schwer das wird, konnte man bereits im Frühsommer beobachten. Damals wollte Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel viele Kohlekraftwerke abschalten. Er scheiterte. Eine höchst ungewöhnliche Koalition aus CDU, Gewerkschaften und der Landesregierung Nordrhein-Westfalen kehrte den Beschluss ins gerade Gegenteil um: Ein Teil der alten Meiler darf weiterlaufen, und die Betreiber kassieren obendrein hohe Subventionen.

Absurd. Warum der Abschied von der Kohle aber dennoch klappen kann, zeigt ein Blick in die Geschichte. Auch der Ausstieg aus der Atomkraft gelang nicht im ersten Anlauf. Sondern erst als die Mehrheit der Deutschen "Atomkraft? Nein danke" richtig fand, Bundeskanzlerin Angela Merkel diese Stimmung aufgriff und nach dem Reaktor-GAU in Fukushima das Aus durchsetzte. Ähnlich könnte auch der Kohleausstieg vor sich gehen: wenn viele Bürger ihn vehement fordern und das dann diesen (oder den nächsten) Minister stärker macht.

Noch leichter wird die Energiewende 2.0, wenn auch die Verbraucher mitmachen. Womit wir wieder bei den Pumpen wären. Die stehen in den Kellern zahlloser Einfamilienhäuser und müssten längst ausgetauscht werden. Neuere Modelle sparen enorm Energie. Doch diese Ausgabe scheuen viele Eigentümer, weil das Öl gerade so schön billig ist. Dabei geht es künftig gerade um Tausende solch kleiner, privater Entscheidungen: darum, ob das Eigenheim gedämmt wird. Darum, ob die Urlauber den billigen Flug nach Mallorca wenigstens "klimaneutralisieren" (das ist mit dem Kauf von Zertifikaten möglich, durch die Wälder aufgeforstet werden). Darum, ob Eltern ihre Kinder jedes Mal mit dem SUV zum Sport bringen. Klingt banal. Doch das persönliche Verhalten von Millionen Menschen verändert das Land. Und das Klima.

Unterstützend wirken könnte noch eine Art politischer Klima-TÜV, der jedes Gesetz und jede Subvention untersucht. Sorgen diese für zu viel CO₂, gibt es Punkteabzug oder keine Plakette. Das klingt verrückt, aber es könnte recht schnell wirken: Der Verkehrsminister müsste die Straßen ganz anders planen. Sie wären dann automatisch für Radfahrer breiter und für Autos enger. Busse bekämen in Städten immer Vorfahrt, Elektroautos bevorzugt Parkplätze. Das würde den Absatz von klimafreundlichen Fahrzeugen anregen. Was dringend nötig ist. Immerhin verursacht der Verkehr ein Fünftel der CO₂-Emissionen.

Deutschland hat schon einmal bewiesen, dass es durchaus eine Energiewende hinbekommen kann. Weil viele Bürger Solarzellen auf den Dächern ihrer Häuser installierten, wurde der Ausstieg aus Atom- und Kohlestrom überhaupt weltweit denkbar. Das hat sich für die Hausbesitzer gelohnt, die Stromkunden hingegen hat es viele Milliarden Euro gekostet. Und auch die nächste Energiewende wird uns alle außer Geld noch etwas kosten: Bequemlichkeit.

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