Die Amerikaner verhalten sich derzeit wegen der Flüchtlinge, die sie nicht aufnehmen, hysterischer als die Deutschen wegen der Flüchtlinge, die sie aufnehmen. Dort begaben sich die Präsidentschaftskandidaten der Republikaner in einen Wettstreit um die irrsten Maßnahmen gegen Muslime, während das hiesige politische System nach einem Jahr mit etwa 800.000 eingewanderten Muslimen rechtzeitig vor Weihnachten zur Ruhe zu kommen scheint.

Wieso?

Wie erklärt sich dieses Weihnachtswunder der deutschen Politik?

Halt, werden bestimmt jetzt wieder einige dazwischenrufen, liegt nicht die sich radikalisierende AfD in den Umfragen bei zehn Prozent, ist das nicht ebenfalls ein Zeichen von Hysterie? Keineswegs, liebe Mitbürger, denn gemessen an der Reichweite und der Massivität der politischen Ereignisse, gemessen daran, dass in einer unvergleichlichen Weise ohne Volk für das Volk entschieden wurde, sind diese zehn Prozent Fundamentalopposition doch wahrhaft moderat. Schon gar im Vergleich zur Stärke all der Rechtspopulisten in: Frankreich, Österreich, Schweden, den Niederlanden, Ungarn, Polen oder Dänemark.

Aber nein, werden nun andere dieser These der Konsolidierung entgegenhalten: Ist die Backpfeife, die Sigmar Gabriel auf seinem Parteitag einstecken musste, nicht ein Zeichen dafür, dass sich mindestens schon eine der beiden Regierungsparteien destabilisiert?

Dieser Einwand beruht auf einem grundlegenden Missverstehen der SPD. Denn Selbstbeschädigung und Selbstbestrafung sind bei dieser Partei keineswegs Zeichen von extraordinärer Nervosität, sondern vielmehr Ausdruck ihrer ganz gewöhnlichen Welthaltung. Die geht zwar davon aus, dass der Himmel auf Erden nicht einmal durch sozialdemokratische Politik erreicht werden kann, macht sich dies aber zugleich immerzu zum Vorwurf.

Auch jetzt: Dass ihr Parteivorsitzender (zusammen mit der Kanzlerin) das Land gerade stärker verändert, als es sogar sehr linke Sozialdemokraten je zu träumen wagten, kann einen SPD-Parteitag selbstredend nicht davon abhalten, im Kleingedruckten nach Defiziten und im Vorsitzenden den Schuldigen zu suchen. Wo kämen sie denn hin?

Nach Karlsruhe kämen sie dann, dahin also, wo die psychologisch doch ganz anders veranlagte CDU ihren Parteitag abhielt. Dort ist wirklich etwas ganz Erstaunliches geschehen, oder besser, nicht geschehen. Vier Monate identitätszerfetzende Regierungspolitik endeten nicht etwa in erheblichen Tumulten oder Abstimmungsschlachten, sondern in knapp zehn Minuten stehend vorgetragenem Beifall für die Kanzlerin, für jene Frau also, die nach dem festen Glauben ihrer Kritiker mindestens die Hälfte der Flüchtlinge durch eigenmächtiges, wiederholtes Lächeln selbst ins Land gelockt hat.

Wie um Himmels willen konnte das passieren, dass (fast) nichts geschah? An der Oberfläche sind die Gründe klar: Die CDU wollte der SPD zeigen, was eine machtbewusste Volkspartei ist. Und der CSU und ihrem Seehofer auch. Sodann hat die Kanzlerin ihren Kritikern erneut zugestanden, was sie ihnen schon x-fach zugestanden hatte: dass sie sich bemühen will, die Zahl der neuen Flüchtlinge zu reduzieren.

Ein "ätsch!" gegen die SPD, ein "bätsch!" gegen die CSU und eine Bemühenszusage der Chefin – das kann doch nicht alles gewesen sein. Nein. Dahinter steht eine (im Vergleich etwa zu den USA) ordentlich funktionierende Öffentlichkeit, die meist ebenso pluralistisch wie professionell und leidlich vernünftig mit dem Thema Flüchtlinge umgegangen ist.

Mit der Stärke der Deutschen konnte die Kanzlerin gegen die Angst argumentieren. Und es gelang ihr, die muslimischen Flüchtlinge in das große C ihrer Partei einzuschließen, statt es zur Abgrenzung derer zu missbrauchen, die im christlichen Abendland Hilfe suchen.

Ist damit das Kippen gekippt? Steht das Land wieder da, wo es Anfang September schon einmal stand, nur um einige Erfahrungen und Diskussionen reifer? Nein, gewiss nicht. Dafür sind die Dinge und die Gefühle noch viel zu fluid, niemand weiß, ob wirklich weniger Flüchtlinge kommen.

Noch also ist nichts gewonnen. Nur das Wichtigste: Zeit.

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