Die Jahre 2014/2015 markieren die tiefgreifendste Zäsur in der deutschen Nachkriegsgeschichte, tiefer noch als 1989/1990. Es handelt sich dieses Mal allerdings nicht um einen historischen Glücksfall, der auch den europäischen Kontinent wieder zusammenführte. Vielmehr stehen Deutschland wie Europa an einem Wendepunkt, von dem der Weg in dunkles Gelände führen kann. Ich zweifele, dass dies bereits die tieferen Schichten des öffentlichen Bewusstseins erreicht hat. Noch verharren weite Teile der Gesellschaft in einer Phase ausgeprägter deutscher Selbstbezogenheit und suchen sich bequem in einer permanenten Gegenwart einzurichten, statt Anstrengungen für die Zukunftsvorsorge auf sich zu nehmen.

Die Zäsur 2014/2015 wird im Wesentlichen durch das Zusammentreffen von vier Entwicklungen geprägt:

Erstens ist die postsowjetische Friedensordnung in Europa unter die Räder einer militärisch gestützten Machtpolitik Russlands geraten. Eine Rückkehr zum Status quo ante einer sogenannten strategischen Partnerschaft von Europa und Russland wird es nicht geben. Die militärische Intervention in Syrien unterstreicht das Streben Russlands, nach der demütigenden Implosion der Sowjetunion und der anschließenden Geringschätzung durch den Westen wieder als Großmacht auf der Weltbühne wahrgenommen zu werden.

Zweitens warf das Ringen um ein drittes Rettungspaket für Griechenland im Sommer 2015 nur ein Schlaglicht auf die Unwuchten in der europäischen Währungsunion. Die erstrecken sich keineswegs nur auf Griechenland. Die Konflikte in der Euro-Zone werden derzeit lediglich von der Flüchtlingsproblematik und dem IS-Terrorismus überlagert. Der Unwille besteht fort, den Geburtsfehler der Währungsunion zu korrigieren: Entweder müsste der Sprung in eine Wirtschafts- und Fiskalunion durch Übertragung von Eingriffsrechten auf europäische Institutionen gewagt werden. Oder es wird der ursprüngliche Rechtsrahmen ("Maastricht") ohne Rabatt auf die Eigenverantwortlichkeit der Mitgliedstaaten in Stein gemeißelt.

Drittens ist der Strom von Flüchtlingen und Asylbewerbern zum beherrschenden Problem geworden, das auf eine politische und gesellschaftliche Zerreißprobe hinausläuft. Wir werden uns darauf einzustellen haben, dass dieser Zustrom die größte gesellschaftliche, kulturelle, finanzielle, bildungs-, arbeitsmarkt- und wohnungsbaupolitische Herausforderung seit Gründung der (alten) Bundesrepublik wird. Mir scheint sie noch gewaltiger als die deutsche Wiedervereinigung zu sein. Denn einerseits geht es um die hunderttausendfache Integration überwiegend männlicher Zuwanderer mit einem völlig anderen religiösen, normativen und qualifikatorischen Hintergrund und andererseits um die Aufnahmefähigkeit und -bereitschaft der einheimischen Bevölkerung mit sehr unterschiedlichen Gefühlslagen.

Die Erwartungen vieler Bürger richten sich auf Schlüsselbegriffe wie Kontrolle und Sicherheit

Schließlich hat viertens die Bedrohung durch den klerikal-faschistischen IS eine neue Dimension erreicht. Unter seiner archaischen Brutalität leiden hauptsächlich Muslime und werden zur Flucht gezwungen. In einer fundamentalen Kampfansage an die westliche Zivilisation exportiert der sogenannte IS seinen Terror nun verstärkt nach Europa. Eine weitere Eskalation dieses Terrors in Europa wird die Aufnahme derjenigen, die vor ihm fliehen, nicht erleichtern.

Wir stehen daher zwei Jahre nach einer Bundestagswahl, deren Ausgang maßgeblich davon bestimmt war, politische Themen zu desinfizieren und die Wählerschaft zu beruhigen ("Sie kennen mich ja!"), vor einem Zeitenbruch. Der wird uns manch bequeme Gewissheit kosten und mehr Anstrengungen abverlangen, als wir uns bisher eingestanden haben.

Es geht um den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland oder, noch deutlicher: um die Verhinderung einer Radikalisierung nennenswerter Teile unserer Gesellschaft. Vieles deutet darauf hin, dass die Flüchtlingswelle nicht nur auf eine bewundernswürdige Hilfsbereitschaft und ein grandioses ehrenamtliches Engagement trifft, die unser Land auszeichnen. Inzwischen brechen sich auch andere Reaktionen Bahn: Unsicherheit über die eigene soziale Lage angesichts drohender Konkurrenz um Jobs, Wohnraum und Sozialleistungen, aber auch Sorgen um die öffentliche Sicherheit, Überfremdungsängste, das Verlangen nach Abwehr und Abschottung – gipfelnd in einer erschreckenden Bereitschaft zur Gewalttätigkeit.