Diese Serie schafft etwas, was man keinem Fernsehformat zugetraut hätte: Sie verleidet einem die Freude an Olli Dittrichs Talent. Aber vielleicht ist der Mann auch selbst schuld, er muss ja das Drehbuch gelesen haben, dieses Sammelsurium aus peinlichen Figuren und halb garen Geschichten, ein Potpourri aus dürftigen Gags, zusammengeschustert im Geiste der billigsten Form der Ironie: jener auf Kosten der Unterschicht.

Man war vorgewarnt: Jennifer – Sehnsucht nach was Besseres. Wenn schon der Titel mit einem Grammatikfehler kokettiert, dann ist jener Humor zu vermuten, mit dem der Kulturbürger seine Allüren unterfüttert. Ach, diese bildungsfernen Schichten, sie wissen noch nicht mal, was ein Kasus ist, unkt der Rilke-Leser und darf sich ein bisschen gruseln, wenn Tussis im knapp sitzenden Jeans-Röckchen über den Bildschirm stöckeln.

Jennifer, gespielt von Katrin Ingendoh, ist so eine Frau: Friseurin, angestellt bei Hair & Care. Der Salon gehört Dietmar. Dittrich verkörpert Dietmar als die Quersumme aller Gehässigkeiten, die je über Schwule in Umlauf waren: eitel, frauenfeindlich, lüstern, affektiert. Dietmar hat das Friseurgeschäft von seinem verstorbenen Lover geerbt, und dessen Mutter wacht nun über den Fortgang der Geschäfte, eine Wohlstandszicke, wie man sie sich nur ausdenken kann, wenn man massive Ressentiments gegen die Bourgeoisie, ältere Frauen oder ältere Frauen der Bourgeoisie hat.

Aber das ist ja überhaupt die Idee dieser Serie: dass alle irgendwie bescheuert und infam und widerlich sind. Die Männer in Gestalt von feisten Discothekenbesitzern (Ulrich Bähnk) oder grenzdebilen Taxifahrern (David Bredin), die Frauen als Kosmetik-Ischen, mit Ausnahme von Jennifers Oma (Doris Kunstmann), die einen Imbiss betreibt, wo "mediterranische Speisen" angeboten werden. Gags aus dem vorletzten Kalauer-Buch von Bastian Sick.

In der zweiten Folge landet diese Oma in einem Stahlkäfig, der zwecks Gogotanz-Bespaßung in einem Nachtclub installiert wurde, und wenn sie sich dann begaffen lassen muss von der als rundherum dumpf und bescheuert dargestellten Dorfjugend – das Ganze spielt in der Provinz –, dann soll das natürlich auch nur ein Sketchmoment sein, aber letztlich trifft es den dramaturgischen Kern des Projekts: Alle werden aus- und bloßgestellt, weil sich weder Andreas Altenburg noch Harald Wehmeier, die Autoren, mal gefragt haben, wie das eigentlich geht: Scherze machen aus einer Milieubedingtheit heraus.

War das nicht das Thema? Eine Friseurin kämpft gegen die Prekarisierung im norddeutschen Hinterland, wo alle aufeinanderhocken und sich arrangieren müssen mit ihren Träumen und Hoffnungen und Defekten. Und es gibt auch ein paar Momente, wo sie aufblitzt, die aus den Verhältnissen und ihren Härten heraus entstehende Tragikomik. Wenn sich Jennifer mit viel Mühe und gegen die Widerstände des Chefs das Know-how der Haarverlängerung erwirbt und am Ende doch alles schiefgeht, weil der testweise behandelte Teenager aussieht wie ein Hund, dem man Extensions in die Mähne gepappt hat; wenn diese Bemühung um mehr Expertise im Sinne der Aufwärtsmobilität also kläglich scheitert, dann sagt eine Freundin beschwichtigend: "Die Haarverlängerung hast du jetzt gelernt." Und eine andere sekundiert: "Ja, das kann dir keiner mehr nehmen." Das ist der Sound, aus dem tatsächlich Comedy entsteht, die Verbindung von klassenbedingter Begrenzung und Lebensklugheit, gewürzt mit einem Gespür für den aktuell grassierenden Zeitgeistsprech.

Aber das war’s dann auch schon an humoristischem Feingefühl, ansonsten ist alles nur Peinlichkeitsposse und plumpestes Bloßstellungstheater. Natürlich kann man kulturferne Subjekte zu Akteuren einer Posse machen, natürlich darf man scherzen über ein Milieu, und zwar zünftig, die besten US-amerikanischen Sitcoms – siehe Two Broke Girls (Kellnerinnen) und Mom (Hausmeisterin, Kellnerin) – machen es vor. Aber nicht, indem man den Schwulen von Lena Valaitis schwärmen lässt und die Friseurin vom Gogotanz in der Disse.

"Jennifer – Sehnsucht nach was Besseres", NDR, 23. Dezember, zwei Auftaktfolgen 22.25 Uhr bis 23.25 Uhr