Es gibt keine Nacht mehr, und sei sie noch so kalt, in der hier keiner liegt. Vor dem Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales, das die Republik inzwischen als Flüchtlingsamt Lageso kennt, spielen sich Szenen ab, von denen der Regierende Bürgermeister Michael Müller angewidert sagt: "Das möchte ich nicht mehr sehen."

Allerdings hat er auch monatelang nichts dagegen unternommen.

An die Betonwand gedrängt, liegen Dutzende von Flüchtlingen, in Wolldecken und Schals gehüllt, bei Minusgraden auf dem Boden. Immer mal wieder fliegt eine der goldenen Iso-Folien vorbei, die der eisige Wind einem Schlafenden weggerissen hat. Manche starren stundenlang apathisch vor sich hin oder blicken den Autos nach. Weil die Dixi-Klos auf dem riesigen Gelände des Lageso nachts weggeschlossen sind (angeblich gibt es zu wenig Aufsichtspersonal), verrichten die Flüchtlinge ihre Notdurft auf der Straße oder hinter den Büschen ein paar Meter weiter. Überall liegt Müll: leere Plastikbecher, alte Pizzakartons. Es sind auch Spuren der Hilfsbereitschaft. Selbst nachts kommen Freiwillige, die heißen Tee und Suppe oder Decken vorbeibringen. Sie haben auch einen Bus organisiert, in dem sich die Frierenden wärmen können.

Seit Monaten geht das so. Nirgendwo sonst in Deutschland müssen Flüchtlinge die Nacht im Freien verbringen oder tagelang draußen warten, bis sie registriert werden. Keine Verwaltung scheint so überfordert zu sein wie die Stadtverwaltung von Berlin. Man mag ja darüber spotten, dass Berlin keinen Flughafen bauen kann. Aber hier geht es um Menschen, nicht um Flugzeuge. In seiner Regierungserklärung Mitte November bezeichnete Müller die Zustände vor dem Lageso als "inakzeptabel". Danach änderte sich: nichts.

Auch Farhad aus Afghanistan ist nachts vor dem Lageso unterwegs. Er ist Anfang 20 und hat einen Zettel der Behörde in der Hand, der mit vier Post-its überklebt ist. Auf ihnen steht immer das gleiche: "Ihr zuständiger Sachbearbeiter ist heute nicht im Dienst. Bitte kommen Sie morgen wieder." Farhad versteht das nicht.

Plötzlich gibt es Geschrei unter den Flüchtlingen. Jemand soll den Müll von der Straße fegen, ein arabischer Security-Mann übersetzt den Befehl. Die Schlafenden rappeln sich auf. Das Fegen sollen Afghanen übernehmen – sie sind derzeit, vermutlich wegen ihrer Chancenlosigkeit, am untersten Ende der Hierarchie. Farhad schnappt sich den Besen. Nachdem er den Müll in einen Eimer geschippt hat, legen sich alle wieder hin. Es ist 5.30 Uhr, Berlin-Moabit erwacht langsam.

Der Staat hat hier kein freundliches Gesicht. Hinter der Absperrung auf dem Behördengelände steht ein beleuchtetes und beheiztes Zelt. Die Mitarbeiter eines privaten Sicherheitsdienstes haben sich davor aufgebaut und sorgen dafür, dass keiner vergisst, was man nachts darf und was nicht. Ein beherztes "Haltet die Fresse dahinten!" erschallt, wenn sich irgendwo Grüppchen von Aufgewachten bilden oder jemand an der Absperrung rüttelt.

Wie kommt es zum Chaos vor dem Lageso? "Wir bestellen jeden Tag 500 oder mehr Flüchtlinge ein – mit Termin neun Uhr. Wir wissen aber seit Wochen, dass wir nur maximal 200 abarbeiten können", zitiert der RBB eine Lageso-Mitarbeiterin. Wer zuerst da ist und morgens vorne in der Schlange steht, der kommt zuerst dran – so jedenfalls die Hoffnung der Flüchtlinge. Wer Pech hat, muss am nächsten Tag, am übernächsten Tag und manchmal über Wochen immer wiederkommen.

Im Parlament sagte Michael Müller vergangene Woche, Berlin sei "smart, aber sexy". Vor dem Lageso aber ist es: dreckig, chaotisch und verdammt kalt.