Der Morgen sieht noch aus wie die Nacht, als im zweiten Stock der Fruerlundschule in Flensburg das Licht angeht. Als hätte der Sturm der vergangenen Stunden auch an ihnen gezupft und gezogen, kommen 22 Pädagogikstudenten mit zerzausten Haaren und von der Kälte rot gefrorenen Fingern zur Tür herein. Sie schleppen Plastikkörbe voller Bücher, Hefte, Folien und Stifte, unter ihren Armen klemmen Pappen und Papiere. Typische Grundschullehrer. Rein optisch ist an diesem Montag also alles wie immer. Nur ein Zettel an der Tür des Lehrerzimmers verrät, dass diese Woche anders wird. "Die Lehrer sind oben", steht auf dem weißen Papier.

Das ist nicht ganz korrekt. Aber "oben", eine Etage über dem Lehrerzimmer, findet man immerhin die, die Lehrer werden wollen und für die nächsten fünf Tage die Fruerlundschule alleine übernehmen. Masterstudenten der Europa-Universität Flensburg, im 9. Semester, 20 Frauen, zwei Männer. Sie werden unterrichten, in allen neun Grundschulklassen, gut 200 Schüler, jedes Fach, egal, ob Deutsch, Mathe, Englisch, Sachkunde, Musik, Sport oder Kunst; sie werden als Pausenaufsicht auf dem Schulhof stehen, Vertretungspläne schreiben, Krankmeldungen entgegennehmen, Elterngespräche führen, Regeln überwachen, Strafen aussprechen. Sie werden Lehrer sein.

Schuladoption nennt die Uni Flensburg diesen deutschlandweit einzigartigen Praxisversuch, der die Studentin Anja Eiting gerade dazu veranlasst, eine neongelbe Warnweste überzuziehen und sich vom Reststurm über den Schulhof treiben zu lassen, bis sie am Ende eines langen Flachbaus ankommt und dort eine Tür aufschließt. "1 und 2d – Frau Wiemken" steht darauf. Aber Frau Wiemken ist nicht da. Sie ist auf Fortbildung in Bremen, mit dem gesamten Kollegium, sogar der Schulleiter ist mitgefahren.

Eiting schreitet die beiden Klassenzimmer ab, als wolle sie noch einmal die Größe der Verantwortung messen, die mit dieser Woche verbunden ist. Besonders aufgeregt sei sie nicht, sagt sie. Sie kenne die Kinder durch ihr Praktikum, seit vier Wochen schon arbeite sie mit in der Klasse. Und sie wird hier nicht alleine stehen. Ihre Kommilitoninnen Gesa Hansen und Loreen Matthies gehören zu ihrem Team. Was sie sich für diesen ersten Tag wünscht? Dass Tom*, eines von etlichen Inklusionskindern in der Klasse, nicht wieder wegläuft.

Die ersten Schüler kommen an, schmeißen ihre dicken Jacken über die Haken und trotten verschlafen ins Klassenzimmer. Mütter nicken den Studentinnen aufmunternd zu, sagen: "Na, dann!", und gehen wieder.

Und während Gesa Hansen in die Turnhalle eilt, um ihre erste Sportstunde zu geben, und Anja Eiting und Loreen Matthies im Morgenkreis die erste Adventskerze anzünden, haben im echten Lehrerzimmer Gabriele Asmussen und Wolfgang Schulz, Lehrerausbilder an der Universität, ihre Posten bezogen. Als schnelle Eingreiftruppe für den Notfall, Rückversicherung für die Studierenden, tröstende Schulter. Wobei das Ziel ist, möglichst unsichtbar zu bleiben, den Studierenden bloß nicht das Gefühl zu geben, beobachtet oder gegängelt zu werden. Es ist ihre Woche, ihre Chance. Und alles, was sie dabei erleben, ist Teil des gewünschten Lernprozesses. Egal, ob sie scheitern oder triumphieren, ob sie an schwierigen Eltern verzweifeln oder an einer Unterrichtsvorbereitung, die nicht funktioniert. "Unsere Hoffnung ist es, dass die Studierenden lernen, konkret und konstruktiv an sich selbst zu arbeiten, und nicht gleich die Schuld bei anderen suchen, auf Eltern oder Schüler schimpfen", sagt Asmussen. "Sie sollen merken: Scheitern gehört dazu. Es ist nur wichtig, daraus Konsequenzen zu ziehen." Kein junger Lehrer könne heute noch am Selbstbild des Allwissenden und Perfekten festhalten.

Wenn Wolfgang Schulz die Schuladoption erklären soll, bekommt sein freundliches Gesicht einen ernsten Zug. "Das ist kein pädagogisches Event!", sagt er dann – und dieser Satz ist ihm wichtig. Hier geht es also nicht um Studentengaudi im Klassenzimmer, nicht um Experimente an Grundschülern. Das Modell der Schuladoption könnte die Lehrerbildung verändern, da ist sich Schulz sicher.

Aber braucht die Lehrerbildung wirklich noch ein Modell? Was wurde nicht alles schon herumreformiert an der Ausbildung künftiger Pädagogen. Immer geht es darum, den Fachwissenschaften an der Uni klarzumachen, dass Lehrer später nicht in Forschungslaboren stehen, sondern vor unberechenbaren Kinderhorden. Immer noch streitet man um die Frage, wie viel Praxiserfahrung ein Lehramtsstudent braucht und zu welchem Zeitpunkt.

"Alleine geht man unter!"

In der 1 und 2d haben die Studentinnen gerade die "Ich-Hefte" ausgeteilt und die Kinder aufgefordert, einen Satz über ihr Wochenende zu schreiben. "Pleschdeschen gespielt", schreibt ein Mädchen (Playstation gespielt). "Wan a Aldi", kritzelt eine Schülerin aufs Papier (Wir waren bei Aldi). Es wird viel gelobt und bestärkt, die Fehler werden nicht korrigiert. Noch dürfen die Kinder schreiben, wie sie die Wörter hören. Die Fruerlundschule, die im Osten Flensburgs liegt, umgeben von etlichen Reihen großer Wohnblocks, unterrichtet die ersten beiden Klassen jahrgangsübergreifend. Das heißt, jedes Kind hat seinen eigenen Lernplan, ist auf einem anderen Wissensstand. Die einen können schon lesen, die anderen nicht. Die Erstklässler heißen "Forscher", die Zweitklässler "Experten". Dazwischen sitzen etliche Kinder mit besonderem Förderbedarf, die wenig sprechen, nur langsam lernen, sich oft verweigern. Lehrer, die dozierend an der Tafel stehen, braucht hier niemand. Lernbegleiter sollen sie sein. Ein Gemeinschaftserlebnis, wie das früher mal war, ist so eine Unterrichtsstunde dann nicht mehr. Gesa Hansen kniet mit einem Jungen auf dem Teppich und rechnet, Loreen Matthies klatscht mit einem Kind Silben, Anja Eiting nimmt sich Zeit für die Förderschüler. Am Ende dieser Woche werden sich die drei Studentinnen fragen, wieso sie an der Uni so wenig über Inklusion erfahren, über das individuelle Arbeiten, warum ihnen niemand beibringt, Arbeitsblätter für drei verschiedene Leistungsniveaus zu erstellen. Allen sollen sie gerecht werden, das hören sie dauernd. Aber wie geht das?

"Die schauen nach so einer Woche viel fokussierter auf das System Schule", sagt Wolfgang Schulz. Die Studenten wüssten dann, was sie als Lehrer mitbringen müssten, was es heißt, jede Minute hellwach, ansprechbar, präsent zu sein.

Wolfgang Schulz war sofort klar, dass er das Konzept der Schuladoption nach Flensburg holen wollte, als er einen norwegischen Pädagogikprofessor auf einer Tagung in Hamburg darüber reden hörte. Auch wenn sich alle anderen Lehrer im Saal einig waren: Das funktioniert in Deutschland sowieso nicht! Und obwohl Schulz, inzwischen 67 und eigentlich im Ruhestand, mit der ersten Schuladoption im vergangenen Jahr viele vom Gegenteil überzeugt hat, muss er immer wieder alles von vorn erklären. Wo denn nun die richtigen Lehrer seien?, fragt ein Lokalreporter beim Pressegespräch im Lehrerzimmer.

Schulz guckt genervt und sagt, das Projekt sei komplex. Seit eineinhalb Jahren arbeite die Universität mit der Fruerlundschule zusammen, um das zehnwöchige Praktikum und die darin integrierte Adoption vorzubereiten. Aber auch – und darauf kommt es Schulz an – um die Schule selbst zu verändern. Es geht um "Schulentwicklung", darum, dass Lehrer wieder anfangen, gemeinsam zu lernen, sich als Kollegium etwas vorzunehmen. Deshalb fragen sich die Lehrer der Fruerlundschule auf ihrer Fortbildung: Wie wollen wir in Zukunft arbeiten? Erreichen wir mit unseren Methoden die Schüler überhaupt noch? Nicht jeder hatte Lust darauf. Lehrer sind solche Kollektivmaßnahmen nicht gewöhnt. Auf diese Weise aber werden im System Schule alle zu Fragenden. Endgültige Antworten kann keiner mehr geben, weder Lehrer noch Studenten. Wer von wem lernt, ist dann nicht mehr entscheidend. "Schulen müssen Orte des lebenslangen Lernens werden und Lehrer die Experten für den Wandel", sagt Gabriele Asmussen. Nirgends schlügen sich gesellschaftliche Veränderungen so schnell und heftig nieder wie in den Klassenzimmern. Redeten gerade noch alle über die Integration von behinderten Schülern, sind nun die Flüchtlingskinder die neue Herausforderung.

Halb eins ist es, als die Schule aus ist und man oben im Lehrerzimmer der Praktikanten ein großes Aufatmen hört. Und während reihum noch die Schokoladenpapiere knistern, Gummibärchen und Koffein die Erschöpften wieder aufrichten, fangen die Ersten an zu erzählen. Ehrlich und schonungslos: "Es war chaotisch", sagt ein Student. "Wie kann es sein, dass Schüler einfach aus dem Raum rennen?" – "Ich war froh, dass sie heute mal nicht mit Stühlen um sich geworfen haben." – "Ein Mädchen hat sehr oft gefragt, wo ihre Lehrerin sei, und sich geweigert mitzumachen." "Meine Mathestunde ging total daneben, die waren komplett überfordert." – "Ich habe eine Viertelstunde gewartet, bis ich mit dem Unterricht anfangen konnte, die waren einfach nicht leise zu kriegen."

Gabriele Asmussen, die als Dozentin die Reflexionsrunden an jedem Nachmittag leitet, mischt sich kaum ein, sagt nur manchmal: "Patentrezepte habe ich auch keine. Findet heraus, was euch hilft."

Das werden viele Studenten im Laufe der Woche tun. Sie werden in ihren Klassen alte Muster aufbrechen, neue Regeln und Rituale einführen, Strukturen und Abläufe verändern. Ein Studenten-Team hat den Gruppentischen in der Klasse Namen gegeben, dann einen Aufräumwettbewerb initiiert und damit das leidige Ordnungsthema gelöst. Andere haben die Rede-Regeln im Klassenrat erneuert. Sie haben die Routine selbstbewusst gegen ihre eigenen Ideen getauscht. Wirksame Kleinigkeiten. Auch wenn nicht alles sofort gelungen ist, es immer "rauf- und runterging". Mal dachte einer: "Scheiße, das hier will ich nicht mein Leben lang machen." Während andere jubelnd aus dem Unterricht kamen.

Die Erkenntnis aller: "Alleine geht man unter!" Der Lehrer als Einzelkämpfer? Für die Studenten eine absurde Vorstellung. Die heutigen Anforderungen im Klassenzimmer ohne Unterstützung zu bewältigen? Undenkbar. "Das sind Teamplayer. Allein, dass sie sich in großer Runde erzählen, was nicht gut gelaufen ist. Das ist ja unter Lehrern alles andere als selbstverständlich", sagt Asmussen.

Eine neue Generation von Pädagogen sitzt da vor ihr, eine, die nicht naiv in den Beruf geht, sondern weiß, was auf sie zukommt. Kann gut sein, dass die Studenten nach ihrem Praktikum zurück an die Uni gehen und dort Inhalte einfordern, die sie für ihre Arbeit an der Fruerlundschule dringend gebraucht hätten.

Anja Eiting, Gesa Hansen und Loreen Matthies haben in dieser Woche einen Lieblingssatz gefunden: "Struktur ist alles." Jeden Tag, jede Unterrichtsstunde hatten die drei genau durchdacht und geplant. Wer eröffnet den Morgenkreis? Wer singt das Lied? Wer führt das neue Projekt ein? Die Kinder sind ihren Choreografien mühelos gefolgt. Außer, dass Tom immer mal wieder ausgerissen ist, Radiergummikugeln durch den Klassenraum geschossen hat oder sich unter den Tisch verkroch; Emil mit Möhren auf dem Schulhof herumgespuckt hat und es viel Gesprächsbedarf mit seiner Mutter gab. Das alles passiert aber auch, wenn die echten Lehrer in der Klasse sind. "Es lief nichts wirklich schief. Wir haben mehr geschafft, als wir dachten", sagt Anja Eiting am Freitagvormittag, als die Woche fast vorbei ist. "Ich könnte immer so weitermachen", sagt Gesa Hansen und strahlt. "Ich hab mich so wohl gefühlt in meiner Rolle und einfach gemerkt, das ist mein Beruf."

Nicht bei allen stellt sich dieses Glücksgefühl ein. In der letzten Reflexionsrunde steht auf manchen Gesichtern noch der Schrecken der "Achterbahnfahrt", die hinter ihnen liegt, viele aber sehen entschlossener aus denn je. "Meine wichtigste Erkenntnis: Man hält das tatsächlich durch, körperlich und geistig, immer ansprechbar zu sein, für alles zuständig", sagt Anja Eiting. Eine der künftigen Lehrerinnen blickt ernst in die Runde: "Ich frage mich, ob Schule so weitermachen kann wie bisher. Wir brauchen Psychologen, wir brauchen intensivere Betreuung für Eltern. Sonst versauen sich die Kinder schon mit acht Jahren ihr Leben."

Was wird bleiben von den Einsichten und Erfahrungen der Studenten? Wie werden die 23 Lehrer der Fruerlundschule mit ihnen diskutieren, wenn sie wieder da sind? Auf welche ihrer Ideen werden sie sich einlassen? Sie haben den Praktikanten schon vorher versprochen, sie auch weiter unterrichten zu lassen. Für Schulleiter Jürgen Schlüter sind die jungen Lehrer jetzt ganz selbstverständlich "Kollegen". Nach seiner Rückkehr hat er festgestellt: "Die Schule hat so funktioniert, wie sie funktionieren sollte." Ein sehr norddeutsches Lob. Ein Anfang.

* Die Namen der Kinder wurden geändert.

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