Seit Januar 2015 marschieren sie in Leipzig auf: die Leute des Pegida-Ablegers Legida und in ihrem Windschatten weitere Rechtsaußen-Gruppen. Ihre einzige Botschaft: "Widerstand" gegen die "Volksverräter" in der Regierung, damit die "Invasoren" und "Zerstörungsingenieure", sprich Flüchtlinge, das Land nicht weiter "islamisieren".

Einem breiten Bündnis aus der Stadtgesellschaft ist es gelungen, diesem Treiben entgegenzutreten und ein Wachstum von Legida zu verhindern: Den anfänglich 4.000 Legida-Spaziergängern standen schnell 35.000 Bürger gegenüber. Zuletzt spazierten gerade noch 300 Legida-Anhänger durch Leipzig. Gleichzeitig blieben Tausende, vor allem Studierende, auf der Straße, um für eine Willkommenskultur einzutreten. So weit also alles bestens. Konnte man jedenfalls bis vor wenigen Tagen glauben.

Doch leider gibt es in Leipzig auch eine Szene, die im Windschatten der politischen Auseinandersetzung mit dem Rechtsradikalismus oft anlasslos marodierend durch die Straßen zieht und Zerstörungsschneisen hinterlässt. Sie nennen sich "Autonome" und "Antifa" und erheben damit einen politischen Anspruch. Er drückt sich darin aus, Pflastersteine auszustemmen, um sie wahllos gegen Menschen, Autos und Fensterscheiben zu schleudern – auch am vergangenen Samstag. Da veranstalteten sogenannte Autonome aus Anlass eines Aufmarsches rechtsradikaler Gruppen im Szene-Stadtteil Connewitz eine Gewalt- und Zerstörungsorgie.

Bevor jetzt abwiegelnd aufgerechnet wird, die Polizei habe die Steinewerfer womöglich provoziert, muss unmissverständlich klargestellt werden: Dieses Schrecken, Angst und Wut verbreitende Auftreten schwarz uniformierter Menschen hat mit einer politischen Auseinandersetzung nichts, aber auch gar nichts zu tun. Diese "Autonomen", die sich selbstherrlich herausnehmen, dass die Regeln eines friedlichen Miteinanders für sie nicht gelten, nennen sich überflüssigerweise "Antifa". Sie wenden aber genau die Mittel an, derer sich Faschisten in aller Welt bedienen: brutale Gewalt, um die Menschen, die einem nicht passen, auszugrenzen, abzuwerten, zu vernichten.

Ist es Zufall, dass rein äußerlich (von Kopf bis Fuß schwarz und vermummt) hart gesottene Neonazis kaum zu unterscheiden sind von "Autonomen"? Niemand möge diesen selbsternannten Menschheitsrettern irgendwelche hehren Motive unterstellen oder brennende Müllcontainer mit Brandanschlägen auf Asylunterkünfte verrechnen, nach dem Motto: Es geht immer noch schlimmer. Nein, die Antwort auf diese Gewalt kann nur klare Abgrenzung sein: Nichts, aber auch gar nichts haben diese Zerstörer gemein mit dem Engagement gegen Rechts! Wer mit Pflastersteinen auf Menschen wirft und Wohnungen des politischen Gegners demoliert, handelt nur noch kriminell. Denn er nimmt im schlimmsten Fall den Tod anderer Menschen in Kauf.

Offensichtlich geht es in die verblendeten Hirne dieser Gewalttäter nicht hinein: Auch ein Mensch mit Nazi-Gesinnung ist ein Mensch, von Gott mit Recht und Würde gesegnet. Sosehr ich auch seine Überzeugungen ablehne, sosehr ich kritisiere, dass er die Würde und das Recht, auf die er Anspruch hat, mit Füßen tritt, so wenig dürfen wir universelle Werte über Bord werfen. Wer das nicht akzeptiert, der hat sich von den Fundamenten unserer Gesellschaft verabschiedet: dass ich mein Gesicht zeige, auf jede Form von Gewalt verzichte und auch im Gegner den Menschen sehe. Wer dieses ablehnt, bekämpft nicht den Rechtsextremismus, er befördert ihn.

Insofern können wir nur hoffen, dass die Gewalttäter gestellt und bestraft werden. Ich hoffe auch, dass all diejenigen endlich zur Besinnung kommen, die meinen, in solch blindwütiger Gewalt noch irgendwelche politischen, gar "linken" Absichten entdecken zu können. Es ist doch absurd: Da wollen Bürgerinnen und Bürger gegen die Rechtsextremisten demonstrieren und müssen sich verängstigt zurückziehen, um den Steinewerfern, Barrikadenbauern und Brandstiftern zu entkommen – von verstörten Kindern, die das miterleben, ganz zu schweigen. Was in Connewitz passiert ist, war nichts anderes als entleerter Krawallterror. Flüchtlinge mussten miterleben, dass in Leipzig von einer martialisch agierenden Truppe genau solche Gewaltexzesse in Gang gesetzt wurden, vor denen sie bei uns Schutz suchen. Das ist unerträglich.

Die Politik- und Demokratieunfähigkeit derer, die zu Steinen und Brandsätzen greifen, zwingen uns zur einer neuen, deutlichen Verständigung darüber, was die Tragelemente unseres Zusammenlebens sind. Wenn Menschen in einem ideologischen und religiösen Vakuum groß werden, das wir uns als säkular oder neutral schönreden, wenn streitige Meinungsbildung im Schulunterricht unterbleibt, wenn Menschen nichts mehr haben, woran sie anknüpfen, worauf sie zurückgreifen können, dann bleibt ihnen, um sich selbst zu behaupten, kaum eine andere Möglichkeit, als andere abzuwerten – und das mit zunehmender Militanz.

Dieses Vakuum gilt es zu füllen; nicht zuletzt dadurch, dass wir Respekt voreinander, Rücksichtnahme und den Grundsatz "Keine Gewalt" als Errungenschaften der jüdisch-christlichen Glaubenstradition an uns selbst ablesbar machen. Die biblische Zusage lautet, dass kein Mensch begründen muss, dass er ist – denn jeder Mensch ist ein Geschöpf Gottes. Wir tun gut daran, darin ein sinnvolles Angebot für ein Zusammenleben von verschiedenen Menschen in einer multireligiösen Gesellschaft zu erkennen. Streit darf sein – aber demokratisch muss er ablaufen.