* 29. 09. 1941 - † 11. 12. 2015

Auf Deutsch ruft man einem Gestorbenen etwas nach. Wenn es um einen Freund geht, fällt das schwer.

Gaston Salvatore wurde 1941 in Valparaíso geboren. Seine Mutter war Chilenin aus großbürgerlichem Haus; der Vater kam aus Sizilien und war ein kosmopolitischer Industriemanager, der in Japan unterwegs war, als der Zweite Weltkrieg begann. Dort geriet er in Kriegsgefangenschaft, aus der ihn erst 1945 die Amerikaner befreiten. Nach seinem frühen Tod sorgte der Familienclan dafür, dass Gaston am St. George’s College und an der Universität von Chile Jura und Volkswirtschaft studieren konnte. Das war eine sonderbare Wahl für einen halben Playboy, der lieber ein Segel-Champion werden und den ganzen Kontinent mit dem Motorrad erkunden wollte.

1965 kam Gaston mit einem Stipendium nach Berlin. Wir waren von dem Moment an unzertrennlich, als wir entdeckten, dass wir beide der deutschen Literatur anheimgefallen waren. Warum er sein Land und seine Sprache verließ, ist mir ein Rätsel geblieben. Von diesem Moment an war keine Rede mehr von der ordentlichen Karriere, mit der die Familie gerechnet hatte.

An der Freien Universität ging es damals noch ziemlich brav zu. Mein Freund galt mit seiner unbezähmbaren Mähne als eleganter Exot. Niemand konnte ahnen, dass er zwei Jahre später zusammen mit Rudi Dutschke, Bahman Nirumand und Bernd Rabehl auf Pressefotos von Rektoratsbesetzungen, Sit-ins mit Herbert Marcuse und allerhand Straßenschlachten auftauchen würde. Über den Vietnam-Kongress mit K. D. Wolff und Giangiacomo Feltrinelli hat er sogar eine längst vergessene Broschüre verfasst. All diese Namen werden einem heutigen Publikum wenig sagen, weil das Jahr 1968 längst zu einer sagenhaften Legende geworden ist, die nur noch zu später Stunde in Schwarz-Weiß-Filmen über den Bildschirm flimmert.

Uns beide hat das alles eine Zeit lang beschäftigt, aber nicht daran gehindert, unserer eigentlichen Berufung zu folgen. Wir schrieben weiter, obgleich viele damals genüsslich und voreilig den Tod der Literatur ausriefen. Gaston war, im Gegensatz zu mir, ein echter Dramatiker. Während jeder, der fleißig genug ist, einen Roman schreiben kann, ist das eine seltene Gabe.

Mit Büchners Tod konnte Gaston Salvatore 1972 in Darmstadt sein Theaterdebüt feiern. Allerdings wollte er nie den Moden und Launen der deutschen Schaubühne gehorchen. Er war nur an großen Stoffen interessiert. Ohne Fallhöhe weder Komik noch Tragödie! Die Sklaverei, die Begegnung mit den "Wilden", der Wahn und der Sturz eines Gewaltherrschers, die Kollaboration, die "moralische Nacht" – das waren seine Themen.

Stalin (1989) war sein letzter internationaler Erfolg mit Inszenierungen in Stockholm, Wien, Warschau, Moskau und Buenos Aires. Zu seinem Unglück zog es das deutsche Theater vor, neben den üblichen Klassikern lieber "Projekte", Gesinnungsübungen, Videos, Film- und Romanbearbeitungen auf die Bühne zu bringen. Dramatiker sind für Regisseure, die sich als die eigentlichen Urheber fühlen, eine störende Begleiterscheinung.

Das hielt Gaston nicht davon ab, ein Dutzend weiterer Stücke zu schreiben. Ich spielte immer seinen Lektor. Unsere Prinzipien bei der Arbeit waren einfach: Für Ideen gibt es kein Copyright. Es galt uns gleich, von wem ein Gedanke stammt. Jeder nimmt vom andern, was er brauchen kann, und streicht, was ihm nicht einleuchtet. Ich hatte mit meinen Sachen mehr Fortune als er, aber jede Missgunst war ihm fremd. Auch unsere Niederlagen haben wir geteilt, so gut es ging.

Seine Stücke kamen, wenn überhaupt, meist verstümmelt auf die Bühne. Einmal wurde die Hauptrolle gestrichen, woanders verwandelten sich Frauen in Diktatoren und Zwerge in Riesen oder umgekehrt. Gastons Dramen überlebten ihre Erstaufführung selten. Ein paar Titel: Hess, Benito Cereno, Monsieur Joseph und Feuerland. Sollte sie irgendein Dramaturg zur Kenntnis nehmen oder gar lesen wollen: Sie liegen in einer mehrbändigen Ausgabe beim Göttinger Wallstein Verlag vor.