Anfang Dezember besuchte ich die Robotermesse iREX in Tokyo. Eine lange, polternde Metrofahrt mit der Yurikamome-Linie am Hafen entlang. Hier gibt es wunderschöne Gebäude, etwa das wie ein bizarres, multidimensionales Bibliotheksregal verwinkelte Fuji TV Building oder das Telecom Center, einen massiven Triumphbogen, durch den man am liebsten mit einem Jetpack hindurchfliegen möchte. Überall Silhouetten von Baukränen auf Hochhausdächern, und in der Nähe des Ausstellungsgeländes gibt es ein ganzes Feld von ihnen auf einer Baustelle, wie eine Herde grasender Giraffen.

Die Robotermesse besteht aus zwei Teilen: Service- und Industrieroboter. Die Halle der Serviceroboter ist viel kleiner und friedlicher. Riesige Hallen voller Menschen. Durch ein solches Areal bewegt man sich am besten mit dem iPod-Soundtrack von Trans Europa Express von Kraftwerk. Die meisten Gesichter, denen man an den Ständen begegnet, gehören Kommunikationsrobotern. Von ihnen gibt es verschiedenste Spielarten. Kindliche Erscheinungen sind darunter, aber auch "klassisch" roboterhaft aussehende sind dabei, mit herausstehenden Metallteilen und skelettartigem Körper. Überwachungsroboter, die ältere Menschen suchen gehen, wenn diese nicht ans Telefon gehen. Begleiterroboter, die einem überallhin folgen. Erzählende Androiden wie etwa ein "Leonardo da Vinci", der weißbärtig von einem Pult aus zu den Messebesuchern spricht. Geduldige Aufschraubroboter für Gurkengläser. Ablenkungsroboter wie der berühmte Paro, eine flauschige Robbe, die auf Liebkosungen reagiert und für demenzkranke Menschen Trost und Beschäftigung bietet. Ich halte die Robbe im Arm und merke, wie sich sofort eine geborgene Blase um mich bildet, die erst zerplatzt, als der Mann am Messestand mir mit marktschreierischer Begeisterung den Satz hinschmettert: "Exactly the same weight as a japanese baby!" Ich muss mir den Mann sofort beim massenhaften Abwiegen wehrloser Kleinkinder vorstellen und bekomme Angst.

Einige Meter entfernt finde ich den Stand mit dem von Hiroshi Ishiguro gebauten Telenoid. Ein unheimliches Wesen. Es sieht aus wie ein kleines Gespenst mit unklarem Gesichtsausdruck. Seine Arme und Beine sind nur angedeutete, abgerundete Stümpfe. Der Telenoid ist ein Mobiltelefon. Man hält ihn wie ein Baby im Arm und spricht mit ihm – der Gesprächspartner tut dasselbe mit seinem Telenoid, und der Roboter filmt und imitiert den jeweiligen Gesichtsausdruck des Sprechers für den anderen. Seltsame Empfindungen stellen sich ein, unter anderem ein intensives Mitleid mit dem sonderbaren Geschöpf. Es braucht meine Hilfe, sagt etwas in mir. Es hat ja keine Arme und Beine. Ich halte es im Arm und lächle es an, so wie man es in realen Situationen macht, wenn man einem menschlichen Wesen begegnet, dem man Hoffnung und Sicherheit vermitteln will. Eine blasse, unklare Seele blickt mir entgegen.

Es mag eine oberflächliche Assoziation sein, aber ich muss daran denken, dass Japan ja der Ort ist, wo das Nō-Theater entstand, bei dem eine der vielen Disziplinen, in denen ein Darsteller Meisterschaft erlangen kann, darin besteht, durch die Neigung des Kopfes der Maske einen Eindruck von Lebendigkeit zu verleihen, der von vielen als überwältigend beschrieben wird. Eine leichte Veränderung der Kopfhaltung – und die verzweifelt oder flehend blickende Maske bekommt plötzlich einen Hauch von Hoffnung. Der Darsteller kennt jede subtile Veränderung der Schatten, die die Formen der geschnitzten Maske werfen können, er ist ein Meister des Winkels. In William T. Vollmanns leidenschaftlicher Studie des Nō-Theaters Kissing the Mask sagt ein von Vollmann nach dem wichtigsten Element der Kunst gefragter Nō-Meister: "vor allem die Maske, der Ausdruck der Maske". Vollmann fragt nach, wie man diesen zustande bringe. Der Meister antwortet: "Natürlich sind die Masken aus Holz und haben keine beweglichen Teile. Aber je nach Neigungswinkel scheint sich die Maske zu bewegen. Wenn ich sie trage, kann ich mich selbst nicht im Spiegel sehen. Ich meine, ich kann den wirklichen Winkel meiner Maske nicht sehen. Deshalb braucht man einen Lehrer. Normalerweise geht man acht Jahre in die Lehre ..."

Die Überwindung des leblosen Ausdrucks ist, wenn auch zum Teil auf albtraumhafte Weise, bei den meisten Kommunikationsrobotern geglückt. Sie brauchen nicht viele bewegliche Teile. Der Telenoid wirkt wie ein gliederloses, apallisches Baby, das kurzzeitig von der Seele des Anrufers besessen wird.

Noch immer verwirrt von diesem intensiven Eindruck, gehe ich in die Halle der Industrieroboter. Hier herrscht eine ganz andere Stimmung als in der intimen, stellenweise fast wohnzimmerhaft gemütlichen Halle der Serviceroboter: ein bunter, polternder Jahrmarkt, auf dem die riesigen, alles andere als humanoiden Roboter ihre Bewegungen präsentieren wie Schauboxer oder Kraftmenschen in einem Wanderzirkus. Sie stemmen ihre Lasten, greifen mit dicken Fingergliedern oder Schnäbeln präzise nach winzigen Bauteilen, drehen und wenden Autos in der Luft über uns. Die Poesie und Anmut unreflektierter, unbewusster Muskelkraft verdeutlicht, wie schwer eine Seele wiegen kann, vor allem eine, die in mühevollster Kleinarbeit erarbeitet wurde. Heinrich von Kleists Schrift über das Marionettentheater kommt einem in den Sinn, auch Robert Musils "geniales Rennpferd" aus dem Mann ohne Eigenschaften. Diese tonnenschweren Roboter sind im metaphysischen Sinn federleicht – und daher wahnsinnig angenehm anzuschauen. Sie wollen nicht absichtlich kawaii oder intim-vertraut oder menschlich wirken. Wie alles, was uns nicht braucht, wirken sie ermutigend, herrlich seelenlos, herrlich absurd.

"Was ist ein Mensch?"

Beim Nachhauseweg von der Ausstellung fällt mir auf, dass die Yurikamome-Metrobahn gar keinen Fahrer besitzt, sondern uns selbstständig durch die abendlichen Hafenstraßen steuert.

Drei Tage danach treffe ich den Erschaffer des Telenoid, Hiroshi Ishiguro. Ishiguro ist in Japan sehr bekannt, vor allem wegen seiner Geminoids – einer Reihe extrem realistischer Androiden, welche Bewegungen, Stimme und Mimik ihrer Besitzer perfekt nachbilden können. Ein weiblicher Geminoid hat vor Kurzem sogar die Hauptrolle in einem Kinofilm gespielt, der gerade überall in Tokio gezeigt wird. Ishiguro hat auch sich selbst nachgebaut. Inzwischen sieht er allerdings eine Spur älter aus als sein Android.

Während unserer Unterhaltung erledigt Ishiguro alle möglichen Dinge, beantwortet Mails am Laptop, ordnet Objekte auf seinem iPhone, zeichnet kleine Diagramme. Ich äußere die Vermutung, Literatur sei ein Versuch des menschlichen Bewusstseins, den physischen Tod zu überwinden, aber eben nur ein unvollkommener, formalisierter Versuch. Ein viel weiter gehender Versuch sei das Internet, in dem ein dynamischer Abdruck eines ganzen Menschenlebens hinterlassen werden könne, eine ansatzweise lebendige Spur. Aber der Doppelgänger-Android, der einen selbst studiert und am Ende vollkommen zu imitieren vermag, sei sicherlich die fortschrittlichste Version. Wir seien sozusagen im selben Metier, bloß in unterschiedlichen Intensitätsgraden. Welche Autobiografie könne sich schon mit der Entwicklung eines Androiden messen?

Autobiografien interessieren ihn eigentlich gar nicht, antwortet Ishiguro. Es gehe ihm allein um die Untersuchung der Frage "Was ist ein Mensch?" In gewisser Weise seien seine Androiden everybody’s autobiography. Die Menschheit sei eine Spezies, die für sich selbst weitgehend unsichtbar sei. Vor allem an der Innenseite. Wir müssten uns erst in etwas spiegeln, um unser Seelenleben sehen zu können, in einem Kunstwerk, einem Therapeuten, einem Partner. Androiden seien ideale Spiegel, das sei ihr eigentlicher Sinn und Daseinsgrund. In zwanzig Jahren werde es eine Gesellschaft geben, in der wir selbstverständlich mit Androiden zusammenleben. Deshalb müssten Androiden menschenähnlich sein.

Wir sprechen ein wenig über den Telenoid und seine creepiness. Ich berichte ihm von meinem, trotz anfänglicher Irritation, fast väterlichen Gefühl beim Halten des Roboters, und Professor Ishiguro weist mich darauf hin, dass es nicht an den fehlenden oder nur angedeuteten Gliedmaßen und dem kindlichen Ausdruck des Telenoid liege, dass ich auf diese Weise reagiert hätte. Jeder projiziere sein eigenes Innenleben in den Roboter. Alte Frauen in Seniorenheimen etwa sehen in ihm einen Partner, einen alten Bekannten, ein Kind, eine Art Haustier, es sei alles dabei. Meine Deutung sei vielmehr eine autobiografische Äußerung, sie sage nur etwas über mich aus. Der Roboter habe einfach meine Psyche offengelegt. Dafür sei er ja da. Abgesehen vom Telefonieren.

Was macht einen Androiden zum Menschen? Ishiguros Formel ist simpel: Wenn er sich als vollwertiger Sozialpartner eignet, dann kann man ihn Mensch nennen. Eine bessere Definition gebe es nicht. Seine Geminoids besitzen die Fähigkeit, sich umzuwenden, wenn man sich ihnen von hinten nähert. Selbst in der reinen Nacherzählung geht von dem Bild eine gewisse Bedrohlichkeit aus. Eine vor Kurzem gebaute Androidin hat sogar Wünsche: Sie möchte ständig von allen gelobt werden. Auch dadurch, so Ishiguro, wirke sie menschlich. Er zeigt einen Videoclip, in dem sich die Androidin mit einem jungen Mann streitet, der sich weigert, sie als hübsch zu bezeichnen.

Ishiguro hat vor Kurzem einen Roman geschrieben. Ihn interessiert die Welt in tausend Jahren. Von den Singularity-Prophezeiungen von Ray Kurzweil, der eine natürliche Machtübernahme der Künstlichen Intelligenz bereits im Jahr 2040 als wahrscheinlich annimmt, hält er wenig. Er sieht die grundsätzliche Richtung der Menschheit als eine metaphysische Jojo-Bewegung: Aus anorganischer Materie sind wir entstanden, und sie ist auch die Heimat, in die wir zurückkehren müssen. Allerdings nicht im Sinne von "Staub zu Staub", sondern in lebendiger Form. Wir werden, so Ishiguro, in tausend Jahren das menschliche Bewusstsein fast nur noch in anorganischer Substanz realisieren. Das Organische sei nur ein kurzer Ausflug, den die anorganische Welt, die eigentliche Grundwahrheit des Universums, sich gestattet habe. Biologie überlebt keine interstellaren Reisen, und sie ist sterblich. Der unseren Genen eingeschriebene Tatendrang und Überlebenswille gebe klar diese Richtung vor: die Emanzipation von der Biologie. Aber von alldem hätten die heutigen Schriftsteller dummerweise gar keinen Begriff, daher langweile ihn das meiste an spekulativer Literatur, das ihm unterkomme.

Warum sollte das menschliche Bewusstsein jahrtausendelang überdauern?

Am Abend desselben Tages bin ich in dem für seine erhaltene historische Bausubstanz bekannten Bezirk Yanaka unterwegs. Vor dem Friedhof fällt mir ein an einem Motorrad hängender Helm auf. Der Zufall von Lichteinfall und Neigungswinkel verleiht ihm einen intensiven unheimlichen Blick. Er erinnert stark an die Gesichter der Kommunikationsroboter auf der iREX: ein kreisrundes weißes Köpfchen mit Augen und Mund, alles minimal ausgeprägt, eine Projektionsfläche für die Innenwelt desjenigen, der ihn anblickt. Vielleicht war es ein Geist aus dem nahen Friedhof, der noch wach war, vielleicht war meine Wahrnehmung auch einfach durch die Begegnung mit den vielen Robotern verändert worden.

In der Einkaufsstraße neben dem Friedhof weitet sich die Reiseerschöpfung zu einem Gefühl großer Entseeltheit und Verzweiflung, und ich merke, wie ich mich, an meinem eigenen Kragen herumgreifend, taktil an Paro zu erinnern versuche, den flauschigen Ablenkungsroboter, der durch seine bloße Existenz verdeutlicht, wie wenig die Bedürfnisse sich ändern, wenn wir älter und unerreichbar werden, und wie viel Trosts wir im Allgemeinen bedürfen. Paro ist das Emblem der bis zum Ende kindlich bleibenden Seite der Menschheit, während die Geminoids und Telenoids von Professor Ishiguro eher den erwachsenen Teil angehen, jene mittlere Phase, in der wir vom Tod wissen, ihn fürchten und fliehen. Ich habe Professor Ishiguro zu fragen vergessen, warum das menschliche Bewusstsein überhaupt jahrtausendelang überdauern soll. Würde es nicht nur Verderben über alles bringen, was es erreicht? Interstellare Reisen ...

Ich bin in der mittleren Phase meines Lebens und ertappe mich dabei, wie ich mich, noch ein letztes Mal geistige Unbegrenztheit vorgaukelnd, für außerordentlich komplexe Dinge zu interessieren beginne, für Free Jazz und Atomsemiotik, für das Langlands-Programm und die Jüngere Dryaszeit. Als hätte ich ewig Zeit, um all das zu begreifen. Aber irgendwann wird mein Gehirn wieder nach den alten Spielzeugen verlangen, nach dem beruhigenden Gewicht einer Trostrobbe.