Contra: Keiner, der uns etwas erklärt

Roland Jahn ist ein schlechter Stasi-Beauftragter: Er hat sich mit seiner Behörde verkracht und zieht krude Schlüsse aus der Vergangenheit.

Von Anne Hähnig

Die Mitarbeiter der Stasi-Unterlagen-Behörde haben einen Begriff gefunden für jene Tage, an denen ihr Chef durch die Lande fährt – und über die Stasi, vor allem aber über sein Leben spricht. An Tagen wie diesen sagen Jahns Mitarbeiter spöttisch: "Er ist wieder auf Wahlkampf." Das heißt: Der Chef macht Werbung, vor allem in eigener Sache.

Roland Jahn ist durchaus rührig als Bundesbeauftragter für die Unterlagen der DDR-Staatssicherheit. Es heißt, er fahre sonntags ins Büro, um dort in Ruhe ein paar Sachen wegzuarbeiten. Aber er tut wenig für seine Behörde, dafür viel für sich. "Jahn hat ein Programm, und das heißt: Ich", sagt ein hochrangiger Mitarbeiter. Selbst DDR-Bürgerrechtler, die Jahn schon lange kennen, schimpfen über dessen "permanente Selbstdarstellung".

Nun sind Chefs manchmal eben unbeliebt. Aber Roland Jahn macht noch dazu keine gute Arbeit. Seit knapp fünf Jahren im Amt, würde er demnächst gern vom Bundestag wiedergewählt werden. Aber gelungen ist ihm bisher kaum etwas. Ihm kann auch nur noch wenig gelingen, denn er hat sich mit seiner eigenen Behörde verkracht, und zu Ostdeutschland fällt ihm nichts Schlüssiges ein. Stattdessen bauscht er DDR-Skandale auf. Das Absurde ist, dass es einen geben wird, der von dieser Malaise profitieren dürfte: Roland Jahn. Aber der Reihe nach.

Als 2010 ein neuer Beauftragter gesucht wurde, sprachen sich viele für Roland Jahn aus. Seine Biografie ist beeindruckend, und er kann lebhaft davon erzählen: 1982 war er als Widerständler inhaftiert und später des Landes verwiesen worden. Vom Westen aus hatte er Kontakt zu seinen Dissidenten-Freunden gehalten, Kameras in die DDR geschmuggelt. Das ist sein großes Verdienst.

Wieso nur behauptet Jahn, die Ossis seien für die Demokratie besonders gewappnet?

Die Behörde, die er 2011 übernahm, ist eine Vorzeigebehörde. Unter ihrem ersten Chef Joachim Gauck – heute Bundespräsident – wurde sie zu einem angesehenen Haus. Unter dessen Nachfolgerin Marianne Birthler wurde sie noch professioneller. Unter Roland Jahn ist sie weitgehend egal geworden.

Das liegt schon daran, dass er einen Satz permanent wiederholt, der erst einmal nach Bürgerrechtler-Prosa klingt und doch, gelinde gesagt, Unsinn ist: "Je besser wir Diktatur begreifen, umso besser können wir Demokratie gestalten." Wer die Diktatur leidlich reflektiert überstanden hat, wird also ein guter Demokrat? Na, schön wär’s!

Geradezu zynisch klingt, was Jahn mit dem früheren Stasi-Hauptareal an der Berliner Normannenstraße vorhat: Er will es zum "Campus der Demokratie" machen. Ausgerechnet der Ort, an dem die Bespitzelung organisiert wurde, soll zum Symbol der Demokratie werden? Was kommt noch? Machen wir das Grundstück, auf dem die NSDAP-Zentrale stand, zum "Campus der Menschlichkeit"?

Die bittere Erkenntnis dieses Jahres ist doch: Wir Ossis sind für die Demokratie nicht geeigneter als alle anderen. Denn die Diktatur-Erfahrung weckt nicht unbedingt einen demokratischen Geist. Vielleicht sensibilisiert sie Einzelne, aber in der Mehrheit entsteht in Diktaturen Misstrauen, gegen das schwer anzukommen ist. Mitunter übersteht das Misstrauen gegen politische Eliten sogar Systemwechsel.

Das Problem Ostdeutschlands ist, dass viele entweder nicht wissen, wie Demokratie funktioniert, oder nicht wollen, dass unsere Demokratie so weiterexistiert. Wie kann es sein, dass Roland Jahn immer noch behauptet, die Ossis seien besonders gewappnet für die Demokratie? Er begeht da einen Denkfehler, der es ihm unmöglich macht, eine Stimme der Ostdeutschen zu sein.

Es fällt schwer, einen Behörden-Insider zu finden, der positiv über Jahn spricht

So wird aus einem intellektuellen Problem ein politisches. Roland Jahn nimmt die Ostdeutschen weder in Schutz noch in die Pflicht. Er redet ihnen nach dem Mund. Macht der Osten positive Schlagzeilen, tut sich Jahn mit Lob nicht schwer. Stellt man ihm kritische Fragen – warum in der Flüchtlingskrise im Osten die Emotionen so hochkochen –, antwortet Jahn, "den Osten" gebe es nicht, auch nicht "die Ostler". Natürlich ist jede Pauschalisierung eine Zumutung, und keiner will auf eine Identität reduziert werden, erst recht nicht auf die als Ossi. Aber sie lässt sich eben auch nicht einfach so ablegen.

Roland Jahn hätte ein Ost-Erklärer werden können, aber er ist nur ein Roland-Jahn-Erklärer geblieben. Kaum gewählt, forcierte er die Arbeit an seiner Biografie. Seine Vorgänger zeigten mehr Stil, sie legten Wert darauf, ihre Memoiren erst nach ihrem Amtsabtritt zu veröffentlichen.

Man könnte ihm jetzt zugute halten: Aber er hat doch Debatten gefördert! War da nicht, zum Beispiel, die Debatte um Ikea? DDR-Gefangene sollen einst für die Möbelfirma produziert haben. Es war Richard Schröder, Theologe, Wendegestalter und Chef des Beirats der Stasi-Unterlagen-Behörde, der Jahn in dieser Debatte öffentlich harsch anging: Vorwürfe gegen Westfirmen, diese hätten sich an "Knastware" bereichert, lieferten eine Sichtblende, hinter der sich die eigentlich Schuldigen verstecken könnten. Die Debatte sei "übermoralisiert".

Warum hat Jahn sie dennoch befeuert? Im Beirat soll damals ein Satz gefallen sein, der das erklären kann: "Wir müssen das Ding am Kochen halten, weil es den Westdeutschen klarmacht, dass auch sie in unsere Probleme verwickelt sind."

Das sollen die Versöhnungsqualitäten des Roland Jahn sein? Er hat eine Freude am Beschuldigen des Westens entwickelt, nach dem Motto: Ihr hängt auch mit drin! Aber diese vorwurfsgetränkte Nörgelei mancher Ostdeutscher, die meinen, die Wessis seien auch mit schuld am eigenen Elend, die ist vor allem für Jüngere zum Davonlaufen peinlich.

Natürlich gibt es heute, 26 Jahre nach dem Mauerfall, kaum mehr Skandale um enttarnte ehemalige inoffizielle Mitarbeiter, wie das in den neunziger und nuller Jahren regelmäßig passierte. Daraus kann man aber nicht schlussfolgern, Jahn schaffe eine versöhnungsfreundlichere Atmosphäre.

Es heißt, Joachim Gauck habe von Anfang an versucht, Jahn als Unterlagen-Beauftragten zu verhindern. Und Marianne Birthler bedaure es inzwischen, Jahn einst vorgeschlagen zu haben.

Unter dessen Führung ist innerhalb der Behörde jedenfalls großes Misstrauen entstanden, und wer danach fragt, der landet bei vielen Kleinigkeiten. Mit seiner Wissenschaftsabteilung hat sich Jahn überworfen. Einigen Mitarbeitern untersagte er die Teilnahme an Konferenzen, dann diskutierte er die Frage, ob in Publikationen die Namen der Autoren auftauchen müssten. Reiche es nicht, wenn als Urheber dort der Name der Behörde auftauche – und also der von Roland Jahn? Es fällt inzwischen absurderweise schwer, einen Insider zu finden, der unter der Hand positiv über Jahn spricht. Auf Mails, das erzählen einige in der Behörde, antworte Jahn in der Regel gar nicht. Allenfalls rufe er zurück, auf etwas Schriftliches wolle er sich nicht festlegen. Aber von einem Stasi-Unterlagen-Beauftragten muss man erwarten dürfen, dass er seinen Mitarbeitern Vertrauen entgegenbringt.

Was wird nun aus ihm? Bis zum Frühjahr will eine Kommission zur Zukunft der Behörde ihre Empfehlungen abgeben. Wie es derzeit aussieht, soll es künftig keinen Unterlagen-Beauftragten mehr geben, sondern einen Beauftragten für die Opfer der SED-Diktatur: Roland Jahn. Das ist, was von ihm bleiben wird: Er ist der Mann, der seine Behörde auflöst, aber ein Pöstchen für sich selbst gesichert hat.