Das Jahr 2015 war von Krisen geprägt – Griechenland, Russland, Flüchtlinge, Paris. Für Richard Jeffs und seine Bewegung hätte es nicht besser laufen können.

"Es ist Zeit, dieser altmodischen EU den Rücken zu kehren!", ruft er, als er an einem Abend Ende November das Gründungstreffen der Gruppe Cambridge Leave.EU eröffnet. Für Jeffs ist die EU eine Art Urmutter aller Krisen. Seine zwölf Mitstreiter und er sitzen im oberen Stock eines Pubs, hinter ihnen steht ein grell beleuchteter Weihnachtsbaum. Zwischen Chickenwings, Bier und Nachos schwebt ein blauer Luftballon über ihrem Tisch. "Die EU ist nichts als heiße Luft" steht darauf. Es ist ein bisschen wie bei einer Geburtstagsfeier.

Jeffs, ein schüchterner 33-jähriger Programmierer, ist Mitglied der Anti-EU-Partei Ukip. Der heutige Abend in Cambridge ist der Auftakt zu einer großen Kampagne um die Zukunft Großbritanniens. Im nächsten, allerspätestens übernächsten Jahr werden die Briten über ihre Mitgliedschaft in der EU abstimmen. Die Mehrheit hat dazu keine starke Meinung; die Umfragen sagen ein knappes Ergebnis voraus, das sich leicht in die eine oder andere Richtung verschieben könnte.

Es wird auf Leute wie Richard Jeffs ankommen. Auf jene, die besonders laut und leidenschaftlich auftreten, am rechten wie am linken Rand. Auf jene, die den Brexit wollen – ein Wortspiel aus Britain und Exit.

"Merkel hat diese ganzen Flüchtlinge eingeladen, und wir sollen sie ihr abnehmen?! Wir haben nie darum gebeten, und jetzt sollen wir ihren Fehler ausbaden!", ruft eine Anwältin, die im Pub Jeffs gegenübersitzt und findet, dass es sowieso schon viel zu viele Einwanderer gibt.

"Wir haben den Ersten Weltkrieg gewonnen, den Zweiten Weltkrieg gewonnen, und jetzt sollen wir bei der EU um Reformhäppchen betteln?!", ruft ein Apotheker, der wie zum Beleg einen Artikel über die deutsche Herrschaft in Europa mitgebracht hat.

"Wenn wir erst mal raus sind, werden die Dänen folgen, die Schweden, es wird wie ein Dominoeffekt sein", sagt eine Kampagnenmanagerin, die aus Wilshire angereist ist und dafür sorgen will, dass überall Gruppen wie diese entstehen.

Zur deutschen Reporterin sind sie ausgesprochen freundlich. Jeder erzählt erst mal von seinen Verbindungen zum Kontinent, von der Schwester in Frankreich oder den Dienstreisen nach Belgien. Sie klingen ein wenig wie jene Leute, die ihre Wutreden gegen Einwanderung mit dem Satz beginnen: "Ich bin kein Rassist, aber ..."

Die Brexit-Bewegung, die sich lange in der rechtspopulistischen Ukip sammelte, wächst. Ihre Anhänger sprechen aus, was viele Briten – aber auch Deutsche, Franzosen und Polen – denken: Was haben wir davon, wenn wir bei der EU mitmachen/Griechenland retten/Flüchtlingen helfen? Auf die Krisen dieser Welt antworten sie mit einer Politik des nationalen Egoismus.

Brendan Chilton hat viel nachgedacht über internationale Solidarität, er ist ein Linker. Wie fast jeden Tag ist der 26-jährige Labour-Lokalpolitiker heute in seiner Heimatstadt Ashford in den klapprigen Zug gestiegen und eine Dreiviertelstunde nach London gefahren. Wir treffen uns vor dem Starbucks in der St Pancras Station, aber aus ideologischen Gründen will er hier nicht bleiben. Der Coffeeshop ist für ihn nur ein Symbol des schlechten US-Kapitalismus. Chilton schiebt sich durch die Massen nationaler und internationaler Pendler – der Eurostar fährt von hier aus direkt nach Paris – und steuert ein französisches Café an.

Er liebe die europäische Kultur, sagt Chilton und sinkt in einen braunen Ledersessel. Aber leider sei die EU längst ein neoliberales Projekt, das dem Volk seine Stimme raube. Schlimm, wie die Troika mit Griechenland und Portugal umgesprungen sei!

Mit seinem roten Wollpullover, dem Seitenscheitel und der Lederumhängetasche scheint Chilton neben all den stylischen Londonern wie aus der Zeit gefallen. Er setzt zu einer Ausführung über die Geschichte der britischen Arbeiterbewegung an und verliert ein paar böse Worte über Margaret Thatcher, die beim ersten Referendum 1975 für Europa warb. Die großen Gewerkschaften unterstützten sie damals, weil sie sich über den Umweg Brüssel sozialere Gesetze versprachen. Heute aber, Chiltons Stimme wird bitter, stehe die EU für die großen Banken und das Freihandelsabkommen TTIP.

Für Chilton ist die EU nicht mehr sozial, sondern ausbeuterisch. Er will deshalb den Lexit – ein Wortspiel aus Left und Brexit

Chilton und eine kleine, aber wachsende Gruppe von Labour-Politikern haben sich der parteiübergreifenden Kampagne "Vote Leave" angeschlossen. Anders als die Gruppe von Richard Jeffs versuchen sie, vor allem die bürgerliche Mitte anzusprechen, Linke und Konservative.

Er kramt sein Handy hervor und öffnet seine Facebook-Seite: ein Post mit einer Statistik zu Wählermilieus und ihrer Einstellung zu Europa. Während in den höheren Einkommensgruppen mehr Menschen in der EU bleiben als austreten wollen, dreht sich dieses Verhältnis bei den unteren Gruppen um. Krankenschwestern, Zugfahrer, Bauarbeiter und Putzfrauen haben also das Gefühl, dass ihnen die EU mehr schade als nutze. Menschen aus der Arbeiterklasse. Labour-Wähler, die zu Ukip überlaufen könnten.