Deutschland ist reich an Kulturlandschaften. Nicht nur die Region um den Bodensee oder die niederrheinische Tiefebene gehören dazu, auch die rund 80 Opernhäuser und mehr als 6.000 Museen. Sie bilden eigene kulturelle Topografien, deren Erhaltung mit Recht durch staatliche Subventionen gewährleistet wird. Die deutschen Verlage hingegen, die ohne vergleichbare Förderung Jahr für Jahr eine der reichsten und vielfältigsten Buchproduktionen der Welt hervorbringen, scheinen nicht erhaltenswert zu sein. Seit einiger Zeit haben sich Politik und Gesetzgeber auf sie regelrecht eingeschossen. Man muss schon lange suchen, um eine andere Branche zu finden, die so überzogen wird mit gesetzlichen Reformen, die darauf abzielen, den Unternehmen die ökonomischen Grundlagen ihres Handelns zu entziehen. Mit dem jüngsten Referentenentwurf zur Reform des Urheberrechts soll nun endgültig die Axt an eine deutsche Kulturlandschaft gelegt werden, deren Fortbestand auf genau den Voraussetzungen beruht, die beseitigt werden sollen. Sollte demnächst Wirklichkeit werden, was das neue Urhebergesetz vorsieht, wird die Welt der Bücher nicht mehr die sein, die wir kennen.

Um einfache Lösungen für die Tatsache finden zu können, dass Bücher keine gewöhnlichen Produkte sind wie Schraubenzieher oder Rasierwässer, hat sich die Politik eine moralisch bequeme Perspektive zurechtgelegt: Auf der einen Seite steht der kreative David, der Autor. Auf der anderen der Verwerter-Goliath, der Verlag. Die Politik glaubt, Goliath beutet David aus und bringt ihn um die Früchte seines Schaffens. Doch leider ist diese Erzählung zu simpel. Sie unterschlägt, dass der Erfolg eines Buches und seines Autors von zahlreichen Faktoren abhängt, die in der Geschichte von David und Goliath gar nicht vorkommen.

Was tut Goliath wirklich? Um für eine differenziertere Betrachtung zu werben, möchte ich an einigen Beispielen erläutern, was Verlage außer der Herstellung und dem Vertrieb von Büchern eigentlich tun. Die Beispiele beschreiben die Alltagsrealität von Qualitätsverlagen, die mit Verlegen nicht nur "Verwertung", sondern auch die Wahrnehmung einer darüber hinausgehenden Aufgabe verbinden.

Beispiel eins: Anfang der neunziger Jahre kamen der Historiker Johannes Kunisch und unser Verlag miteinander ins Gespräch. Kunisch, ein angesehener Fachmann für das 18. Jahrhundert, trug sich damals mit dem Gedanken, ein Buch über den – wenig bekannten – österreichischen Feldherrn Gideon Ernst von Laudon zu schreiben. Wir schlugen ihm vor, sich stattdessen lieber an eine Biografie Friedrichs des Großen zu wagen. Eine solche Biografie hatte es seit Theodor Schieder nicht mehr gegeben, sie fehlte auf dem Markt. Kunisch, der viel über Friedrich gearbeitet hatte, zögerte, ob er sich diesen Wechsel in die "Königsklasse" zutrauen und es mit Schieder aufnehmen dürfe. Am Ende ließ er sich überzeugen. Der Vertrag, den wir schlossen, sah eine Manuskriptablieferung Ende 1996 vor, doch daraus wurde nichts. Unterwegs geriet der sensible Autor wiederholt in Schaffenskrisen, in denen er hinwerfen wollte, und ich fuhr mehrmals nach Köln, um ihm Mut zu machen und das bisher Geschriebene bei Tee und Spaziergängen zu diskutieren. Erst zwölf Jahre nach unseren ersten Gesprächen und acht Jahre nach dem vereinbarten Termin lag das Manuskript vor. Friedrich der Große wurde der größte Bucherfolg im Leben des Autors, verkaufte sich bis heute 50.000-mal und brachte seinem Autor Tantiemen in sechsstelliger Höhe ein. Ohne den Verlag hätte er das Buch niemals geschrieben, ließ uns Kunisch wiederholt wissen.

Beispiel zwei: Das Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz ist herzlich eingeladen, sich im Verlagsarchiv einige Texte in drei Stadien genauer anzuschauen: 1. Eingereichtes Manuskript. 2. Lektoriertes Manuskript. 3. Druckseite. Es gibt dort Fälle, in denen sich alle drei zum Verwechseln gleichen, aber es gibt auch nicht selten Fälle, in denen 2. übersät ist von Umformulierungen, Rückfragen, Kürzungen, Hinweisen – oft über Hunderte von Seiten hinweg. Jeder Lektor kennt solche Wochenenden, die er sich um die Ohren geschlagen hat, um einem Text aufzuhelfen. Das geht niemanden etwas an, denn wir befinden uns hier in der Intimzone der Autor-Lektor-Beziehung. Aber das heißt nicht, dass es nicht stattfindet. Legendär sind kreative Symbiosen wie die zwischen Johannes Mario Simmel und seinem Lektor Herbert Neumaier, und allgemein gilt für die Belletristik mehr noch als für das Sachbuch, dass Coaching und Diskussionen über die Entwicklung von Figuren, Motiven, Plot oder Dialogen zum festen Bestandteil eines guten Lektorats gehören.