Read the English version of this article here

An dem Mittwoch im Spätherbst, an dem sich Modous* Schicksal entscheiden soll, erwacht er in einer kalten, nebligen Stadt, die einen dieser deutschen Namen hat, die nach Buchstabensalat klingen: B-r-a-u-n-s-c-h-w-e-i-g. Er zieht einen Kapuzenpulli an und streift seine Winterjacke aus der Kleiderspende darüber – aber nein, das passt nicht! Lieber keine Jacke. Modou will nicht herumlaufen wie ein abgerissener Flüchtling, er will cool aussehen.

Er faltet einen Zettel auf, einen Ausdruck mit seinem (falsch geschriebenen) Namen, dazu eine Uhrzeit und eine Adresse: Er soll um acht Uhr im Gebäude vier in der Boeselagerstraße 4 sein. Dort befindet sich das Erstaufnahmelager des Landes Niedersachsen. Oder, wie Modou es nennt: refugee village. Es ist eine der Massenunterkünfte, die weder Deutsche noch Asylbewerber besonders mögen. Derzeit entstehen sie überall im Land.

Modou gehört zu den eine Million Menschen, die unter dem Begriff "Flüchtlinge" zu einer namenlosen Masse verschwimmen. Für die deutsche Verwaltung ist er ein kleiner Fall, den es möglichst schnell zu bearbeiten – wahrscheinlich sogar abzuschieben – gilt. Für andere aber ist er ein besonderer Mensch, der eine Chance verdient.

Er weiß nicht, worum es bei seinem Termin geht oder wen er sprechen wird. Aber vielleicht ist es ja das Gespräch, in dem er erklären kann, warum er aus Afrika floh und warum er in Deutschland bleiben will. Das große Gespräch über sein Asyl. Seine Zukunft.

Das Aufnahmelager liegt am Rande eines Waldes, drinnen führt eine Straße an flachen Wohngebäuden vorbei. Früher kamen hier 750 Flüchtlinge unter, inzwischen sind es offiziell 3200, in Wahrheit wahrscheinlich noch mehr. Die Wohncontainer stehen wie in die Gegend gewürfelt. Weiße, fensterlose Zelte ducken sich unter Bäumen. Drinnen stößt ein schmales Hochbett ans nächste. Unmöglich, von all den anderen mit ihren Geräuschen und Gerüchen verschont zu bleiben.

"Verdammt!", ruft Modou, als er Haus 4 erblickt. Er sieht eine Schlange von 120 Menschen davor anstehen. Offensichtlich ist sein Acht-Uhr-Termin ein Massenaufruf. Ganz links ist die Schlange für Arzttermine, daneben die für Gesprächstermine, und ganz rechts warten sie aufs Sozialamt. Modou versucht, sich von links außen in die Mitte zu schieben. Sein Nachbar stößt ihn mit dem Ellbogen. Modou hält dagegen, sie rangeln. "Stop pushing!", bellt der bullige Security-Mann am Eingang. Er spricht eine Art Deutsche-Bahn-Englisch. "If pushing zer will be trouble. Dschärman police will komm!" Böse Blicke. Kein Wunder, dass es hier häufig Schlägereien gibt.

Nach einer Stunde wird Modou in das Gebäude hineingespült, ein weiterer Security-Mann wirft sich ihm entgegen. Modou taumelt und zieht seinen Zettel aus der Tasche. "Wo ist mein Gespräch?", fragt er auf Englisch. "Verpiss dich!", antwortet der Mann auf Deutsch.

Modou steigt die Treppe in den ersten Stock hinauf: der Korridor voller Menschen. Zwei grüne Türen, die sich im 15-Minuten-Rhythmus öffnen. Heraus treten deutsche Mitarbeiter, die sofort von Flüchtlingen belagert werden. Ein laminierter Aushang, auf Deutsch:

"Liebe Flüchtlinge, bitte warten. Sie werden aufgerufen. Danke."

Modou und ich lernten uns im September kennen, als Deutschland noch berauscht von seinem neuen Sommermärchen war. Wir standen auf den Stufen vor den Hamburger Messehallen, einer temporären Flüchtlingsunterkunft, und unterhielten uns auf Englisch über Hip-Hop. Er trug ein schwarzes Käppi, weiße Kopfhörer hingen von seinen Schultern herab, er sah aus, als würde er gleich in einem Club auflegen.

"Zu Hause habe ich Krumping unterrichtet", sagte Modou, und ich staunte, dass sie den amerikanischen Hip-Hop-Stil in Gambia tanzen, in Hamburg aber nicht. "Hier habe ich eine Trommelcrew aufgebaut", erzählte er weiter, und ich dachte, dass Trommeln qualifikationstechnisch zwar nicht sehr angesehen ist, aber sicher leichter zu übertragen als, sagen wir, Ingenieurwissenschaften.

Mit der Ankunft von Modou und seinen "co-refugees", wie er sie nannte, entdeckten die Studenten, Grafikdesigner und Barkeeper aus dem umliegenden Karoviertel die Politik. Eine Generation, die sich bislang vor allem mit sich selbst beschäftigte, traf auf gleichaltrige Flüchtlinge, von denen viele nichts anderes kennen als Armut, Krieg und den Kampf ums Überleben. Stündlich, nein, minütlich fuhren Autos vor, um Koffer voller Jeans, Mäntel und Spielzeug zu entladen. Jeden Samstag stiegen Refugees-welcome-Partys auf dem Platz gegenüber.

Weil Modou witzig ist und mit jedem kann, steigt er im Mikrokosmos der Messehallen zu großer Beliebtheit auf. Schnell freundet er sich auch mit Deutschen an. Mit dem tätowierten Koch Jo, der ihm sein altes iPhone schenkt. Mit der Tanzpädagogin und Lehramtsstudentin Stefanie, die er beim Trommeln kennenlernt und mit der er bald eine lose Affäre beginnt. Sie nehmen Modou mit zum Sport, in Bars und zum Clubben (Modou selbst trinkt keinen Alkohol, weil er Muslim ist). Sie helfen ihm, weil sie ihn mögen und etwas gegen die Ungerechtigkeit dieser Welt tun wollen.