Niemand packt so viele Pakete zu Weihnachten wie die Logistiker und Packer von Amazon. Sie holen die Geschenke aus den Regalen und machen sie versandfertig, sie sind wie die Weihnachtselfen aus dem Hollywood-Klassiker Der Polarexpress, in dem ein kleiner Junge zum Nordpol reist, um den Weihnachtsmann zu suchen. Als er dort ankommt, findet er nicht etwa einen alten Mann in einem verwunschenen Häuschen, sondern den Weihnachtsmann als Manager einer Stadt, in deren Keller und Katakomben eine riesige Abfertigungsanlage für Geschenke errichtet wurde. Man könnte auch sagen, der Weihnachtsmann betreibt ein weltweites Logistikzentrum.

Aber nur im Film liegt dieses Weihnachts-Amazon am Nordpol, im richtigen Leben gibt es derer neun allein in Deutschland. Und im richtigen Leben verweigern die Weihnachtselfen den Gehorsam: Im dritten Jahr in Folge legen Mitarbeiter von Amazon in mehreren deutschen Logistikzentren kurz vor dem Fest die Arbeit nieder. Sie streiken in Bad Hersfeld, Leipzig, Graben, Rheinberg, Werne und Koblenz.

Bevor sich aber einer ihrer Vertreter zu Wort meldet, ergreifen die Chefs der hiesigen Weihnachtsgeschenke-Logistik das Wort und behaupten, dass alle Geschenke trotzdem ankämen. So geschieht es dieser Tage, sie lassen die Sprecher von Amazon in Deutschland erklären, wie sie kompensieren zu können glauben, dass bis zu ein Drittel der Stammbelegschaft an den genannten Standorten die Arbeit verweigert. Dabei wollen die Streikenden teils bis zum Heiligabend um 15 Uhr durchhalten, einem Zeitpunkt, von dem an auch kein Amazon-Prime-Express-Service ein Paket noch würde ausliefern können.

Amazon behilft sich, indem es die Arbeit, so gut es geht, auf Logistikzentren im angrenzenden Ausland verteilt. Das geschieht schon routinemäßig. Wenn in Großbritannien der Tag von Thanksgiving naht, packen die Helfer in Frankreich emsiger und schicken die Waren durch den Eurotunnel; und wenn in Frankreich eine Päckchenorgie ausbricht, springen die Mitarbeiter aus Koblenz ein. Eine ausgeklügelte Software macht es möglich, Aufträge von einem Ort schnell zum anderen zu verschieben, wenn dort die entsprechenden Dinge vorrätig ist. So reagiert das Unternehmen nun auch auf den Streik.

Darüber hinaus hat Amazon deutlich mehr Saisonarbeiter eingestellt als im vergangenen Jahr, sagen Vertreter der Gewerkschaft ver.di, und sie vermuten, dass die Firma in Erwartung von Streiks so gehandelt habe. Dass Amazon also in Saisonarbeiter investiere, um auf die Forderungen der Stammbelegschaft nicht eingehen zu müssen.

Bleibt noch zu erwähnen, dass Amazon nach Angaben von ver.di ein Antrittsgeld von zehn Euro pro Tag zahlt, wenn ein Mitarbeiter in den beiden Wochen vor Weihnachten am Arbeitsplatz erscheint, und wenn es jemand fünf Tage die Woche tut, verdoppelt das Unternehmen die Summe auf 100 Euro. Bernhard Schiederig, der Fachbereichsleiter von Ver.di in Hessen, sagt: "In unseren Augen lobt Amazon eine Streikbrecher-Prämie aus."

Der Ursprung des Konflikts ist nicht neu, es geht darum, dass sich Amazon keinem Tarifvertrag unterwerfen will. Auch ohne diese Bindung sei man ein guter Arbeitgeber für mehr als 10.000 Beschäftigte und habe in diesem Jahr nahezu 1.000 neue Stellen geschaffen, heißt es bei Amazon. Für einen Job, den man man in wenigen Stunden erlernen könne, für den man keine Berufsausbildung und noch nicht mal einen Schulabschluss brauche, seien zehn Euro Stundenlohn anfangs anständig. Wer drei Jahre dazugehöre, bekommt je nach Standort bis zu 13 Euro. Die Gewerkschaft hält das für zu wenig, denn wenn Amazon seinen eigenen Werbeclaim ernst nehme, sei das Unternehmen ein Versandhändler, müsse sich also an den Tarifgehältern des Versand- und Einzelhandels messen lassen, und die lägen bei den Einstiegsgehältern 14 Prozent höher als bei Amazon.

Bei der Diskussion geht es um etwas Grundsätzliches. Bisher hat kein großer Onlinehändler einen Tarifvertrag abgeschlossen: Amazon nicht, Zalando nicht – und auch nicht das schicke Möbelversandhaus Westwing. Versandhändler alten Schlags, beispielsweise der Otto-Konzern, zahlen hingegen weiter Tariflöhne und sind dadurch im Nachteil.

Insgesamt scheint es immerhin, als ritualisiere sich der Konflikt zwischen Amazon und den Gewerkschaften langsam, als nähere er sich dem Verhandlungspoker an, den man so gut kennt. Seit ver.di so viele Mitarbeiter von Amazon für sich gewonnen hat, dass sie den Arbeitsablauf empfindlich stören können, also seit drei Jahren, sind die Löhne gestiegen. Das Unternehmen lehnt sich bei seinen jährlichen Anpassungen inzwischen an den Tarifvertrag für Logistiker an.

Ver.di verzichtet seinerseits darauf, die Arbeit maximal zu stören. "Wir wollen zeigen, dass wir den Druck noch erhöhen könnten, wenn Amazon nicht bald das im Versandhandel übliche Urlaubs- und Weihnachtsgeld zahlt", sagt Gewerkschafter Schiederig.

Man kann es auch so sagen: Die Weihnachtselfen wollen das Fest nicht kaputt machen. Ihr Streik ist rücksichtsvoller, als es die Stilllegung des Bahn- und Flugverkehrs durch Lokführer und Piloten im Lauf des Jahres waren. Zudem ist es ein Streik, bei dem es nicht darum geht, ob hoch bezahlte Piloten ein bisschen weniger Altersversorgung bekommen, sondern darum, das die am untersten Ende des Arbeitsmarktes ein paar Euro mehr verdienen. Es ist auch in diesem Sinne ein echter Weihnachtsstreik.

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