Ich habe meine Kindheit in Katemin an der Elbe verbracht, zwischen uns und dem Strom gab es nur noch Felder und Teiche. Wenn die Vopos nachts in ihren Jeeps patrouillierten, huschten Scheinwerfer über den Deich auf der anderen Seite. Diese Dramatik der Grenze fiel bei uns Kindern nicht schwer ins Gewicht. Dass uns nur ein paar Hundert Meter von einem feindlich gesinnten Weltsystem trennten, wurde höchstens in der Stille spürbar, die so absolut wie in den frühen Ingmar Bergman-Filmen war. Wenn wir zum Steineflippen an die Elbe gingen, interessierten uns mehr die Kähne, die in Richtung Hamburg fuhren. Dort war meine Großtante ausgebombt worden. Dass man das Feuer damals am Horizont sehen konnte, beeindruckte uns sehr.

Gewöhnlich war das Dorf eher mit sich selbst beschäftigt und mental weit entfernt von der nächsten Stadt. Neben dem Telefon, das man sehr spärlich nutzte, waren die medialen Höhepunkte Diashows, die auf das Stubenrollo projiziert wurden. Unsere Nachbarn schauten seitenverkehrt von der Straße aus mit. Im Sommer gab es Pfadfinder, die abends Schlager singend durchs Dorf marschierten und den Mädchen die Ehe versprachen. Ein Hamburger Junge, der oft seine Oma besuchte, spielte für uns auf der Bodentreppe mit schrillen Action-Tönen aktuelle Kinofilme nach.

Unser Weihnachtsbaum stand fast in der Backstube, dazwischen lag nur eine Tür. Meine früheste Erinnerung ist ein Traum, in dem ich diese Tür öffne und einem schwarzen Mann begegne, der meine Mutter entführt. Mein Unbewusstes muss die Farben vertauscht haben, denn jenseits der Tür trugen alle Weiß. Der Duft der Backstube weckte mich und meine Brüder. Im Nachthemd stiegen wir drei Stufen hinunter, suchten uns eine warme Streuselschnecke aus oder fischten Brötchen aus einem Weidenkorb. Sie waren kross, rochen süßlich nach Hefe, und wenn man sie aufschnitt, stieg Dampf daraus auf. Sie enthielten wenig Teig, waren nur goldbraune Schale. Es ergab einen satten Klang, wenn sie vom Ofen in die Körbe prasselten. Doch im Mittelpunkt stand das Brot. Es wurde auf Vorrat gekauft, an die großen Bauernfamilien lieferten wir jede Woche acht Laibe.

Unser Haus hatte im 19. Jahrhundert dem Gasthof Sandkrug gehört. Er war nach einer Schenke benannt, die bereits zur Zeit der Französischen Revolution dort gestanden hatte. Direkt vor dem Haus stieß der über die Elbhöhen kommende Postweg auf die Uferstraße. Es lag an der großen Verkehrsader, auf die schon Schabbach, das Hunsrück-Dorf in Edgar Reitz’ Heimat-Filmtrilogie, sich so viel eingebildet hatte. Seit mein Urgroßonkel aus Dresden zugewandert war, wurde im Haus gebacken. Sein vergilbter Meisterbrief hing neben dem meines Vaters im Geschäft.

Als das alte Haus abgerissen wurde, halfen wir Kinder beim Einstoßen der Lehmwände enthusiastisch mit. Wir entdeckten eine Farbenkammer, von der niemand gewusst hatte. Mein Bruder Norbert fiel durch die Dachbodenplanken und tauchte als blaugrünes Gespenst wieder auf. Die Backsteine fürs neue Haus ließen meine Eltern aus Holland kommen. Es sollte noch viel länger als das alte Lehmhaus halten. Sie hatten weder mit der Landflucht noch mit dem Fall der Mauer gerechnet. Am 9. November 1989 wurde ein weiteres Haus eingeweiht, das meine Eltern für ihren Ruhestand gebaut hatten. Im Rückblick wird es zum Floß, auf das sie sich zu retten suchten. Aber was für ein glorreicher Moment im Windschatten der Geschichte waren die 30 Jahre davor, in denen der Zukunftsoptimismus meines Vaters auf den bundesrepublikanischen Aufschwung traf. Prosperierende Städter aus Berlin und Hamburg bauten sich scharenweise Datschas im Wendland. Samstags hielten schöne Autos vor unserem Geschäft, und die Kunden standen Schlange. Bis auf die Straße, sagt meine Mutter: Und das ist nicht übertrieben.

Die alte Bäckerei hatte ganz dem Dorf gehört. Im Laden wurde Platt gesprochen, und in den Weihnachtstagen gab es mehr Frauen als Männer im Backstubenbereich. Sie rückten in Kopftüchern und bunten Schürzen an, um ihre hauseigenen Teigmischungen auszurollen und abzubacken. Dann war auf der Bodentreppe bis spät in die Nacht Betrieb. Vor Weihnachten konnten auf dem Speicher leicht 120 Blechkuchen lagern. Schwungvolle Teiginitialen gaben zu wissen, wem sie gehörten. Das Fluidum verwandelte sich in diesen Tagen. Sonst war die Stimmung einsilbig, die Meister gaben nervöse Kommandos, die Gesellen fuhren die Lehrlinge an, und die Lehrlinge, die wieder einmal den Sauerteig vernachlässigt hatten, murrten vor sich hin. Doch vor dem Fest wurde die Atmosphäre feminin. Die Bäcker assistierten den Frauen bei ihren Landgrafen, Mandel-, Streusel- und Pfefferkuchen, Klatschgeschichten breiteten sich aus, und auf burschikose, grob-schroffe Weise wurde geflirtet, dass sich die Balken bogen.