Heinz-Willi Ritz schaut aus dem Fenster in seinen Garten, links ein Teich, rechts der Schlag. Er wartet. 26 seiner Tauben hat er eingesetzt: So nennt man das, wenn er, wie die anderen Mitglieder auch, sie zu seiner Reisevereinigung bringt, der RV Grevenbroich. Alle Tauben werden dann zusammen in einem Wagen weggebracht, an diesem Wochenende nach Blois, in eine Kleinstadt im Loiretal.

Ritz schaltet den Fernseher ein, WDR, Videotext, Seite 631, dort kann er sehen, wann die Tauben aufgelassen wurden: So nennt man das, wenn der Wagen geöffnet wird und die Tauben herausfliegen. 70 bis 90 Kilometer schaffen sie in der Stunde, mit Rückenwind gar 120. Über französische Städte und Dörfer fliegen sie, über belgische Städte und Dörfer, jede Taube zurück in ihren Schlag, zurück zum Weibchen, von dem sie getrennt war.

Ganz gleich, wo man eine Brieftaube aussetzt, sie orientiert sich und fliegt Hunderte Kilometer weit nach Hause, immer zu dem Ort, an dem sie aufgewachsen ist. Wie sie das macht, konnte noch keiner erklären, sie richtet sich wohl nach der Sonne und dem Magnetfeld der Erde. So überbrachte sie einst Botschaften der Liebe, von König Salomon an die Königin Saba, Nachrichten von der Front oder vom Fußballplatz die Halbzeitergebnisse. 1818 gab es in Belgien die ersten Taubenwettflüge, der erste große Wettbewerb war von Toulouse nach Brüssel. Rennpferd des kleinen Mannes nannte man die Brieftaube lange, das Rennpferd der Männer im Bergwerk. Staubig und verdreckt kamen sie von der Arbeit, hatten stundenlang ins Dunkel geschaut, gingen zu ihren Tauben, ließen sie fliegen, schauten in den Himmel. Es war Nachkriegszeit, Wirtschaftswunder, die meisten Vereine gab es im Ruhrgebiet, Ewig treu die Alten, Fürs Vaterland, so hießen sie, und die Züchter hießen Kumpel Karl und Taumvatter Jupp. Sie malochten unter Tage, und dann ließen sie die Tauben am Himmel malochen. Der Mann ruhte und wartete auf seine Taube, die nach Hause flog.

"Dieser Moment", sagt Heinz-Willi, "wenn eine in der Luft ist", und stockt.

"Dann geht sein Herz auf", spricht Inge weiter.

"Dann ist man wie versteinert vor Freude", sagt Heinz-Willi, "du pflegst sie, du ziehst sie groß, du bereitest sie vor, dann lässt du sie los."

Sachte, sanfte Worte, als spräche er von einem Kind, aber er meint ja seine Tauben, wenn sie nach Hunderten von Kilometern genau über dem Haus aus den Wolken rauskommen: "Dat ist ein Moment, dat kann man nicht beschreiben. Dat ist die Lieb."

Inge steht in der Küche, kurz vor eins ist es. Um 7.55 Uhr sind die Tauben aufgelassen worden. Heinz-Willi steht nun vom Sofa auf. "Gleich fallen die Ersten", sagt er, "ich hol schon mal das Funkgerät." Er kommt wieder und hält einen Kasten in den Händen, Grundig CBH 2000. "Das hatte ich schon immer, oder Inge? 40 Jahre vielleicht?" Letztens jedenfalls war das Gerät bei der Reparatur. Er stellt es neben den Herd, nimmt das Mikrofon und sagt: "Klaus, bitte melden." – "Ja", sagt Klaus, und außer Klaus hört man viel Rauschen. Heinz-Willi: "Wenn du bei den anderen was hörst, Klaus, funkst du durch, ja?"

Heinz-Willi schaut in den Himmel, etwas Sonne jetzt, Inge deckt auf der Terrasse den Tisch. Sie bringt Schnitzel, Blumenkohl, Kartoffelgratin, Gurkensalat, und aus dem Funkgerät kommt: "Erste Taube!" – "Verstanden", sagt Ritz und schaut in den Himmel. Erst ist da ein Punkt, der größer wird und größer, bald über ihm kreist, Heinz-Willi Ritz ruft: "Komm, komm, komm, komm, komm." Die Taube segelt herab, hinein in den Schlag. "Erste Taube da, kannst du melden, Inge." Inge sitzt auf der Terrasse und sagt: "Das ist jetzt schlecht getimt mit dem Essen." Heinz-Willi kommt an den Tisch, nimmt Messer und Gabel und guckt nicht auf den Teller, nur in die Luft, Kopf in den Nacken, ein Punkt am Himmel, Kreisen, er ruft: "Komm, komm, komm." – "Das ist der Nervenkitzel", sagt Inge, "wie beim Lotteriespiel."

Um Geld geht es aber nicht, Geld kann Ritz keines gewinnen, am Ende der Saison gibt es Pokale, aber selbst davon möchte Ritz keinen mehr haben. Er hatte so viele, dass er seiner Schwester welche gab, die mit Behinderten arbeitet, die halten die Pokale in Ehren, sagt er, was soll er damit noch machen, er hatte sie alle in den Keller gestellt.

Worum es geht: um Altehrwürdiges. Um Kameradschaft, Disziplin, um Sehnsucht und um Heimattreue. Die Taube, die in die Ferne geschickt wird, kommt zurück. Es gab eine Zeit, da passte sie in dieses Land. Sie gab Halt nach Jahren des Krieges, in denen alles haltlos gewesen war.

Die Brieftaube ist eine Haustaube, keine dieser Stadttauben, die man auch Ratten der Lüfte nennt. Die Brieftauben nennt man Athleten der Lüfte. Für sie gibt es Vitaminkapseln, Augen- und Nasentropfen, Kräuteröle Atemfrei, Elektrolyte mit Aminosäuren, Knoblauchöl mit viel Vitamin E: positiv für die Fruchtbarkeit und verdauungsfördernd, Badesalz für ein weiches Federkleid, es entfernt Hautschuppen und entspannt die Muskeln. Früher gab es für die Flugtage Taubenuhren, bei denen die Ankunftszeit aufs Papier gelocht wurde, heute tragen die Tauben am Fuß einen Chip, bald soll der Züchter den Flug seiner Taube auf dem Tablet verfolgen können. Bei einigen wenigen Flügen gibt es auch mehr als Pokale zu gewinnen, beim Nordseerennen auf Sylt bekommt der, dessen Taube Erste wird, einen BMW Z4 oder 30.000 Euro.

Es ist nur so: Selbst wenn sich die Branche alle Mühe gibt, es scheint, die Brieftaube passt nicht mehr in das Land. Taubensport ist Seniorensport, die Hälfte der Züchter ist zwischen 55 und 75 Jahre alt, ein Viertel noch älter. Spricht man mit Züchtern, fallen immer Sätze, die mit "früher" beginnen.

Früher, als er ein kleiner Junge war, erzählt ein Mann auf der Brieftauben-Messe in Dortmund, legte er ein Foto von Heinz-Willi Ritz aus der Brieftaubenzeitung unter sein Kopfkissen, schlief ein und träumte davon, ihn zu treffen.

Früher, in den Sechzigern, gab es 103.000 Züchter in Westdeutschland, heute sind es 36.000 im ganzen Land.

Früher gab es in Jüchen über hundert Taubenzüchter, heute sind es vier.

Früher, erzählt Inge, während Heinz-Willi durch den Garten läuft und in den Himmel schaut, hatten sie immer Zuschauer auf der Terrasse.

Früher, als seine Tauben so erfolgreich flogen, begann Ritz, nach Asien zu fliegen. Er holt einen Aktenordner, darauf steht: "China-Reisen", er holt Bücher mit chinesischen Zeichen und Bildern von Tauben, blättert und sucht seinen Namen darin, nicht so einfach, wenn alles auf Chinesisch ist.

Früher, das war 1978: Ein Thailänder, ein wohlhabender Diamantenhändler, war auf Geschäftsreise in Deutschland, er kam bei Ritz vorbei, kaufte ein paar Tauben, und zurück in Asien, erzählte er vom Taubenzüchter aus Deutschland. Bald darauf verkaufte Ritz eine seiner besten Tauben nach Taiwan. Sie wurde nur noch für die Zucht eingesetzt, und weil ihre Nachkommen auch dort die Schnellsten waren, wollten sie bald alle Ritz-Tauben haben. Es waren die Ritz-Tauben, die es am besten über die Berge auf der Insel schafften, die über die Berge kletterten, wie sie es nannten.

Bald wussten sie davon auch in China. In seinem Ordner hat Ritz Berichte und Bilder von seinen Reisen gesammelt: Er auf der Taubenmesse in China, er vor einem Taubenschlag in China, er in einer chinesischen Zeitung. Mehr als 30-mal war Ritz in Asien, oft wurde er eingeladen von reichen Taubenzüchtern.

Anfangs, erzählt er, musste er so viele Autogramme schreiben, dass er Muskelkater bekam.

In Thailand, erzählt er, sagte er jemandem, auf welche Taube er setzen sollte, dann war es ausgerechnet die, die gewann.

In China, erzählt er, besichtigte er einen Schlag und sah sofort, dass eine krank war, sie hätte alle anderen angesteckt.

"Ich guck immer nach dem Auge", sagt Ritz, "da muss Glanz drin sein, wie beim Menschen. Hat ein Mensch trübe Augen, stimmt auch was nicht. In den Augen sieht man, welche die Schlaueste ist."

Früher ist für Heinz-Willi Ritz heute vorbei. Er plant nicht mehr, nach Asien zu reisen. Das tun nun andere, denn Ritz ist längst nicht mehr der Einzige aus Europa, der Tauben nach Asien verkauft. Inzwischen klingelt bei vielen Züchtern das Telefon, die im Vergleich zur nationalen und internationalen Konkurrenz schnelle Tauben haben. Ein Vermittler ist dran, der erzählt, dass es in Asien Interessenten gebe. Das Geschäft wird dann oft etwas schmutzig.

Einige Händler sprechen nicht gern darüber, wie die Taube nach China kommt. Dort sind die Einfuhrgebühren sehr hoch, und viele versuchen, sie zu umgehen. Der Preis der Rekordtaube Bolt wurde vor zwei Jahren mit 99 Euro angegeben, dabei war sie das 3.000-Fache wert.

Einige Züchter sprechen nicht gern darüber, was sie verkauft haben, denn bei anderen war es so, dass es jemand mitbekam und sich bald darauf das Finanzamt meldete. Ein Deutscher, der nur von seinen Tauben lebt, musste 500.000 Euro nachzahlen, erzählt man sich.

Ritz klappt die chinesischen Bücher zu. "Alte Zeit", sagt er. "Aber es ist doch dein Leben", sagt Inge. "Einen Tag keine Taube in der Hand, das will ich mir nicht vorstellen", sagt Ritz, "Tauben, dat ist wie Sucht, wie Hasch."

Es war ein bisschen Zufall, ein bisschen Glück, dass ausgerechnet Heinz-Willi Ritz, Besitzer eines kleinen Lebensmittelladens im Rheinland, die Taube in Asien bekannt machte und dazu beitrug, dass sie dort das wurde, was sie hierzulande nicht mehr ist: begehrt. Die Geschichte über den Aufstieg der Brieftaube ist eine Erzählung darüber, wie eine Tradition an ihrem Ursprungsort verloren geht und in einem neuen Markt neue Macht erlangt. So geschah es, dass ein altehrwürdiges Hobby nicht mehr nur alt erscheint. Dass es nicht mehr vor allem Hobby ist, sondern Geschäft.

Die Taube, einst das Rennpferd des kleinen Mannes, ist immer noch Rennpferd – eines Mannes allerdings, der mit ihr Millionen gewinnen kann.

"Am Anfang haben sie mich ausgelacht", sagt Nikolaas Gyselbrecht, Gründer von Pigeon Paradise, einem Auktionsunternehmen für Brieftauben, "Geld verdienten wir die ersten Jahre nicht." Inzwischen hat er mehrere Angestellte: 18 in Belgien, zehn in Taiwan und in China und freie Agenten in Südafrika, Mexiko, Irak, Amerika und vielen Ländern Europas.

Gyselbrecht ist Belgier, 35, ein ruhiger Typ mit randloser Brille, sehr unauffällig. Auf dem Hof steht sein BMW, in der Hand das Smartphone, ein Geschäftsmann auf seine eigene Art: Bei Terminen trägt er gern Shorts und Sandalen. Gyselbrecht wohnt in Knesselare, einer unauffälligen Kleinstadt bei Gent, in der sein Unternehmen sitzt, das zu einer weltweiten Versteigerungsplattform wurde, ein eBay für Brieftauben.